
| ISBN | 3894015802 | |
| Autor | Manfred Wieninger | |
| Verlag | Edition Nautilus | |
| Sprache | deutsch | |
| Seiten | 64 | |
| Erscheinungsjahr | 2008 | |
| Extras | - |

Kriminelle Klischees aus der Provinz

Gruppeninspektor Grassmann steht in mehrfacher Hinsicht auf einem verlorenen Posten. Sein Polizeiposten in Laiden bei Harms (fast schon sprechende Ortsnamen) soll aufgelöst werden. Ferner befinden sich sein Leben und seine Karriere in der Sackgasse. Da wundert es niemanden, dass der unmittelbar bevorstehende Pensionsantritt wie ein Rettungsanker empfunden wird.
Es ist fast noch schlimmer als es sich anhört. Gruppeninspektor Grassmann lebt in der Tat in einer Welt, die nur mit einem einzigen Begriff beschrieben werden kann: „Tristesse“. Sein Leben als Polizist besteht darin, einige Verkehrsrowdys und testosterongeladene Söhne aus ach so gutem Haus in Zaum zu halten, Ladendieb/innen aus dem Giga-Markt zur Anzeige zu bringen (oder auch nicht). Der kümmerliche Rest dessen, was gemeinhin als gesellschaftlicher Umgang und Freizeitgestaltung bezeichnet wird, besteht aus seinen beiden „Freunden“ im Tankstellenkaffee, mit denen Grassmann mehr oder weniger wortlos herum hängt. Das unbestrittene Highlight dieses Lebens ist Svetlana, die Pächterin der Tankstelle, die den alten Kieberer hin und wieder zum Schuss kommen lässt.
Am letzten Tag vor seiner Pension wird Gruppeninspektor Grassmann erneut vom Security-Dienst des ortsansässigen Giga-Marktes behelligt. Der Wachdienst des Supermarktes hat wieder eine Ladendiebin überführt und keine Milde walten lassen. Die Diebin wird, nachdem sie sich nicht besonders „kooperativ“ zeigt, auf den Posten geschleppt. Grassmanns Art und Weise das Delikt zu behandeln, zeugt nicht gerade von Dienstbeflissenheit. Er will eigentlich nicht mehr behelligt werden. Seine chronische Müdigkeit und sein sehnlicher Wunsch, endlich in Pension gehen zu dürfen, verbieten ihm das.
Der weitere Tag zieht in seiner Eintönigkeit dahin. Niemand vermisst den Gruppeninspektor. Nicht einmal die übliche Verabschiedung mit Sekt, Brötchen und einigen halblustigen Ansprachen findet statt. Alles geht sang- und klanglos seinen Weg und den Laidener Bach hinunter. So scheint es zumindest. Doch der erste Pensionstag bringt überraschende kriminalistische Wendungen, die sogar den Gruppeninspektor a. D. verdächtig erscheinen lassen.
Der Autor Manfred Wieninger schafft mit Gruppeninspektor Franz Grassmann einen Polizeibeamten, der einer Strecke aus Manfred Deix’ Cartoons und Karikaturen entsprungen sein könnte. Die Technik, die Wieninger dabei anwendet, ist nicht unsympathisch. Er arbeitet mit der Verdichtung und der Überzeichnung von Klischees. Aber wie das mit Klischees so ist – sie enthalten einen Kern „Wahrheit“; wobei Wahrheit in diesem literarischen Zusammenhang eher mit Realismus oder zumindest mit Wahrscheinlichkeit zu übersetzen wäre. Der phlegmatische, etwas schwerfällige Beamte, der im Nichts der Provinz sein Dasein fristet, ist in Österreich eine beliebte Figur, die tief in den (Großstadt)mythen verwurzelt ist. Selbst der aktuelle Tatort-Komissar hat noch Reste dieser fast schon protoypischen Figur.
Mit Sicherheit verkauft sich ein „schmäh“führender Kieberer leichter als ein trockener Technokrat. Das Publikum erwartet sich wahrscheinlich auch nichts anderes. Dass die Figur dem Alkohol nicht abgeneigt ist und eine Art Eigenbrödler mit Anwandlungen eines einsamen Wolfes ist, passt irgendwie ganz gut ins Bild. Auch wenn das Bild für geneigte Krimileser/innen doch als allzu bekannt gelten darf, so ist es zumindest stimmig. Wenn dann auch noch Reminiszenzen an den Bürgerkrieg im 1934er Jahr wach werden, wird es schon allmählich ein bisschen viel. Zuviel des Guten ist es, als der Hauptfigur dann auch noch jiddische Ausdrücke in den Mund gelegt werden. Manfred Wieninger hat in seiner Figurenzeichnung für meinen Geschmack ein wenig über das Ziel hinaus geschossen. Auch die ewigen „Wie“-Vergleiche scheinen fixer Bestandteil des Repertoires zu sein und wissen nicht immer zu gefallen. Besonders nett finde ich die eher unfreiwillige Einlage, dass es genau zwei Fußnoten in diesem Text gibt, die landesspezifische Eigenheiten erklären sollen: „Salzamt“ und „HTL“. Dass jedoch immer wieder dialektale Begriffe wie „Kieberer“, „Batzi“ oder „Gruppeninspektor“ auftauchen und ohne Erläuterung bleiben, verwundert mich ein wenig.
Zum Autor:
Manfred Wieninger wurde 1963 in Sankt Pölten/Niederösterreich geboren. Er studierte Germanistik und Pädagogik, verfasste zwei Lyrikbände, schrieb Reisereportagen für die FAZ, die Wiener Zeitung und andere Medien. Neben Franz Grassmann ist vor allem Marek Miert die Hauptfigur einiger Kriminalromane, die im rororo erschienen sind.
geschrieben am 23.12.2008 | 635 Wörter | 4015 Zeichen
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