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Speed - Eine Gesellschaft auf Droge


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Rezension von

Matthias Pierre Lubinsky

Speed - Eine Gesellschaft auf Droge Drogen gab es schon immer. Vermutlich sind sie so alt wie die Menschheit. Entsprechend des Leidens des Menschen an seinem Leben, könnte man existentialistisch feststellen, hat er versucht, sich zu betäuben, eine Hilfe gesucht einzuschlafen – oder aufzuwachen. Je nach dem. Das sogenannte Speed, ein Amphetamin, ist eine chemische Verbindung, die nach ihrem Eintritt in den menschlichen Stoffwechsel auf das zentrale Nervensystem einwirkt. Die Auswirkungen können sehr unterschiedlich ausfallen, wie Hans-Christian Dany in seinem Buch »Speed. Eine Gesellschaft auf Droge« in äußerst anschaulicher und lesenwerter Weise darstellt. Sein Buch spiegelt das Faktum wider, dass die Vielfalt der Wirkungsmöglichkeiten von Amphetamin letztlich dessen Vielfalt an Gebrauchsmöglichkeiten ist. Sein Buch, das aus vielen kurzen Stücken besteht, die teilweise ineinander übergehen, ist nichts weniger als eine kleine Kulturgeschichte dieser Droge. Zwangsläufig erinnert ist man an den Klassiker in diesem Feld, Ernst Jüngers »Annäherungen. Drogen und Rausch«. Die Annäherungen sind aber entgegen ihres Titels darüber hinaus ein philosophischer Großessay, der auch Themen anspricht wie die Struktur von Zeit. In dem Zitat, das Dany von Jünger bringt, zeigt dieser sich wieder einmal ganz als Dandy: »Auch Drogen folgen der Mode; sie bilden substantielle Entsprechungen zu geistigen Wendungen, die vielleicht nur kleine Marken in der Stilgeschichte hinterlassen und sich doch einzeichnen.« Anstatt sich von moralischen Wertungen anstecken zu lassen, geht es Jünger um die Perzeption der Rolle, die Drogen in der Geschichte des Ästhetischen gespielt haben. Dany schreibt nicht zuletzt interessant, weil wir vieles erfahren, das wir zuvor so genau nicht wussten. Man hatte von allem mal ein bischen gehört, aber wer wusste schon so genau vom Drogenkonsum des Führers oder Elvis Presleys? Der in Hamburg lebende Autor zitiert die Aufzeichnungen von Hitlers Leibarzt, Dr. Theo Morell, im damaligen Berlin ein bekannter Prominentenarzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten, der seine Praxis am Kurfürstendamm hatte. Hitler hatte sich hier passend eingefunden, verkehrte doch auch die Berliner Halbwelt bei »Dr. Morell«. Nach der Niederlage der Wehrmacht bei der Schlacht um Stalingrad geht es mit Hitler schnell abwärts. Da müssen immer größere Mengen an Drogen her, um sich eine eigene Realität zu zimmern. Dany berichtet: »Nach außen wird ein linksseitiges Zittern des Oberkörpers sichtbar, und seine Handschrift immer unkontrollierter. Den chemiegesteuerten Körper des Führers durchzucken Tics, als sei er ein Autist. Ein ausgreifender Gedächtnisschwund führt zu Wiederholungen gerade erst ausgesprochener Befehle.« Morell und Hitler begeben sich in einen Teufelskreis aus stetig wachsenden Nervenstörungen des Nationalsozialisten, der der Berliner Arzt versucht, mit höheren Dosen beruhigender Drogen Herr zu werden. Eine weitere Folge der massiven Drogenabhängigkeit Hitlers ist eine zunehmende Lichtempfindlichkeit, die ihn sich zurückziehen lässt. Bereits im Herbst 1944 ist der politische Führer der Deutschen ein derartiges Wrack, dass seine Lippen zucken und nur noch Wutausbrüche Reste von Kraft zeigen. Diese kleine Kulturgeschichte des Amphetamins ist allen zu empfehlen, die Lust auf eine unterhaltsame und dennoch informative Urlaubslektüre haben. Es ist, wenn man so will, Unterhaltung der intelligenten Art. Dabei ist Dany durchaus nicht unkritisch. Im letzten Kapitel geht er ein auf die Bedeutung der Drogen in der heutigen Gesellschaft, die von ihren Arbeitnehmern teilweise sklavisches Funktionieren fordert. Hierzu sind Aufputschmittel wichtig. Zwar wird für die Öffentlichkeit die Tour de France angeblich rigoros überwacht. Mit welchen Blutwerten die Menschen am Arbeitsplatz erscheinen, ist jedoch noch ein Tabuthema.

Drogen gab es schon immer. Vermutlich sind sie so alt wie die Menschheit. Entsprechend des Leidens des Menschen an seinem Leben, könnte man existentialistisch feststellen, hat er versucht, sich zu betäuben, eine Hilfe gesucht einzuschlafen – oder aufzuwachen. Je nach dem.

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Das sogenannte Speed, ein Amphetamin, ist eine chemische Verbindung, die nach ihrem Eintritt in den menschlichen Stoffwechsel auf das zentrale Nervensystem einwirkt. Die Auswirkungen können sehr unterschiedlich ausfallen, wie Hans-Christian Dany in seinem Buch »Speed. Eine Gesellschaft auf Droge« in äußerst anschaulicher und lesenwerter Weise darstellt. Sein Buch spiegelt das Faktum wider, dass die Vielfalt der Wirkungsmöglichkeiten von Amphetamin letztlich dessen Vielfalt an Gebrauchsmöglichkeiten ist.

Sein Buch, das aus vielen kurzen Stücken besteht, die teilweise ineinander übergehen, ist nichts weniger als eine kleine Kulturgeschichte dieser Droge. Zwangsläufig erinnert ist man an den Klassiker in diesem Feld, Ernst Jüngers »Annäherungen. Drogen und Rausch«. Die Annäherungen sind aber entgegen ihres Titels darüber hinaus ein philosophischer Großessay, der auch Themen anspricht wie die Struktur von Zeit. In dem Zitat, das Dany von Jünger bringt, zeigt dieser sich wieder einmal ganz als Dandy: »Auch Drogen folgen der Mode; sie bilden substantielle Entsprechungen zu geistigen Wendungen, die vielleicht nur kleine Marken in der Stilgeschichte hinterlassen und sich doch einzeichnen.« Anstatt sich von moralischen Wertungen anstecken zu lassen, geht es Jünger um die Perzeption der Rolle, die Drogen in der Geschichte des Ästhetischen gespielt haben.

Dany schreibt nicht zuletzt interessant, weil wir vieles erfahren, das wir zuvor so genau nicht wussten. Man hatte von allem mal ein bischen gehört, aber wer wusste schon so genau vom Drogenkonsum des Führers oder Elvis Presleys? Der in Hamburg lebende Autor zitiert die Aufzeichnungen von Hitlers Leibarzt, Dr. Theo Morell, im damaligen Berlin ein bekannter Prominentenarzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten, der seine Praxis am Kurfürstendamm hatte. Hitler hatte sich hier passend eingefunden, verkehrte doch auch die Berliner Halbwelt bei »Dr. Morell«.

Nach der Niederlage der Wehrmacht bei der Schlacht um Stalingrad geht es mit Hitler schnell abwärts. Da müssen immer größere Mengen an Drogen her, um sich eine eigene Realität zu zimmern. Dany berichtet: »Nach außen wird ein linksseitiges Zittern des Oberkörpers sichtbar, und seine Handschrift immer unkontrollierter. Den chemiegesteuerten Körper des Führers durchzucken Tics, als sei er ein Autist. Ein ausgreifender Gedächtnisschwund führt zu Wiederholungen gerade erst ausgesprochener Befehle.« Morell und Hitler begeben sich in einen Teufelskreis aus stetig wachsenden Nervenstörungen des Nationalsozialisten, der der Berliner Arzt versucht, mit höheren Dosen beruhigender Drogen Herr zu werden. Eine weitere Folge der massiven Drogenabhängigkeit Hitlers ist eine zunehmende Lichtempfindlichkeit, die ihn sich zurückziehen lässt. Bereits im Herbst 1944 ist der politische Führer der Deutschen ein derartiges Wrack, dass seine Lippen zucken und nur noch Wutausbrüche Reste von Kraft zeigen.

Diese kleine Kulturgeschichte des Amphetamins ist allen zu empfehlen, die Lust auf eine unterhaltsame und dennoch informative Urlaubslektüre haben. Es ist, wenn man so will, Unterhaltung der intelligenten Art. Dabei ist Dany durchaus nicht unkritisch. Im letzten Kapitel geht er ein auf die Bedeutung der Drogen in der heutigen Gesellschaft, die von ihren Arbeitnehmern teilweise sklavisches Funktionieren fordert. Hierzu sind Aufputschmittel wichtig. Zwar wird für die Öffentlichkeit die Tour de France angeblich rigoros überwacht. Mit welchen Blutwerten die Menschen am Arbeitsplatz erscheinen, ist jedoch noch ein Tabuthema.

geschrieben am 02.08.2008 | 536 Wörter | 3286 Zeichen

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