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Der stete Tropfen höhlt den Stein - Interview mit Stephan R. Bellem


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Der Otherworld Verlag konzentriert sich hauptsächlich auf Lizenzkäufe klassischer amerikanischer Horror- und Fantasyliteratur. In dem gut aufgestellten Programm findet sich auch ein weitestgehend unbekannter, deutscher Autor. Stephen R. Bellem veröffentlichte jüngst den 2. Teil seiner „Chroniken des Paladin“. Grund genug für webcritics.de mit dem Autor zu reden.

Marc-Florian Wendland: Hallo Stephan, ein weiterer Kandidat der Literaturagentur Schmidt & Abrahams gibt sich die Ehre? Es freut mich, dass du im vorweihnachtlichen Stress die Zeit für meine Fragen findest. Gehen wir in die Vollen: Beschreibe doch mal den Typen Stephan R. Bellem, um unseren Lesern ein Bild von dir zu vermitteln.

Stephan R. Bellem: Oh je, die Frage nach der eigenen Person. Da muss man ja immer höllisch aufpassen, für den Fall, dass Psychologen mitlesen. Aber ich will dennoch ehrlich sein. Ganz kurz: Ich studiere Soziologie, schreibe Bücher und mag große, faule Hunde. Vor allem der letzte Teil sagt schon 'ne Menge über mich aus, denke ich. Mit meinen 27 Jahren falle ich ja gerade noch in die „Junge Erwachsene“-Schublade. Auch wenn Schubladen mich ziemlich stören. Bis ich an dem heutigen Standpunkt ankam vergingen aber einige Jahre und Neuorientierungen. Nach meinem Abitur stürzte ich mich ins VWL-Studium – und brach es nach einem Semester ab. Danach absolvierte ich eine grundsolide Ausbildung zum Bankkaufmann. „Richtig“ schreibe ich ungefähr seit meinem 18. Lebensjahr. Und je älter ich wurde, desto klarer wurde mir „Hey, das ist es, was du beruflich machen willst!“ Doch nach der Ausbildung war mir das noch nicht vollkommen klar. Und ich wollte auf meine Ausbildung noch ein Studium aufsatteln, so kam ich zur Soziologie. Damals noch mit wirtschaftlichem Hintergrund (Personalentwicklung und solchen Kram), heute reizt mich die politische Richtung der Soziologie viel stärker. Aber ob ich in dem Beruf jemals Vollzeit arbeite, kann ich nicht absehen. Privat mag ich es eher gelassen. Ich sammle mit großer Leidenschaft Filme und kann auch mal alle Lethal Weapon-Teile am Stück schauen. Ich koche und esse gern, gehe aber auch regelmäßig Schwimmen. Sonst hab ich mit Sport aber nicht so viel am Hut. Es gibt übrigens nichts besseres, als sich an kalten Tagen mit einem guten Buch oder Film und einer Tasse heißer Schokolade auf die Couch zu lümmeln.

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Marc-Florian Wendland: … und den Autoren Stephan R. Bellem?! Was treibt ihn zum Schreiben und vor allem, welche glückliche Destination verschlug dich dereinst in die Fantasy?

Stephan R. Bellem: Der zweite Teil ist deutlich leichter zu beantworten. Ich mochte schon immer Fantasy. Angefangen bei den „Sams“-Büchern, über Schatzinsel-Romane zu Indiana Jones und dann mit dreizehn schließlich den „Vergessenen Reichen“ von Salvatore. Zusätzlich interessiere ich mich für Geschichte und da speziell von Antike bis Mittelalter. So ergab sich das fast von selbst. Wie ich zum Schreiben kam ist da schon schwieriger zu beantworten. Ich befürchte fast, dass es damals eine Mischung aus „Will ich auch machen“ und „Kann ich bestimmt auch“ war. Deshalb scheiterte der erste Romanversuch auch grandios. Nach drei oder vier Seiten war Schluss. Da war ich elf oder zwölf. Danach habe ich die Welt Kanduras entworfen, aus Spaß. Irgendwann war die Welt recht weit gediehen und mit achtzehn meldete sich der Wunsch in mir, es noch einmal zu versuchen. Diesmal aber weniger aus der jugendlichen Überheblichkeit heraus, sondern vielmehr um mir selbst zu beweisen, dass ich ein Buch schreiben kann. Und dann fing ich an, ohne Plan, nur die Landkarte und eine ganz grobe Idee, die auch die ersten zwanzig Seiten nicht überstand. Der erste Roman war auch direkt „Tharador“. Allerdings brauchte ich für meinen Erstling fast vier Jahre, habe aber auch immer wieder lange Pausen eingelegt.

Das Schreiben machte mir dann allerdings so große Freude, dass ich nach dem ersten Buch nicht aufhören wollte. Ich wollte mehr. Ich wusste jedoch auch, dass ich bei dem Tempo niemals erfolgreich sein könnte. Und da traf ich die Entscheidung: Ich schreibe nicht mehr bloß nebenbei, sondern „richtig“. „Das Amulett“ brauchte dann noch knapp neun Monate bis zur Fertigstellung, bei „Das Buch Karand“ kann ich diese Marke noch einmal senken und das nächste Projekt kommt auch schon sehr gut voran. Heute treibt mich vor allem der Wunsch an, unterhaltsame Geschichten zu erzählen und weiter veröffentlicht zu werden.

Marc-Florian Wendland: Kürzlich erschien mit „Das Amulett“ der zweite Teil deiner „Chroniken des Paladins“. Kannst du uns ein bisschen was über die Geschichte der Chroniken, über die Welt, über deinen Paladin, über... erzählen?

Stephan R. Bellem: Puh, wie viel Platz habe ich hier? *g* Also schön, Kanduras bezeichnet den Kontinent auf dem die Trilogie spielt. Die Trilogie zeigt dem Leser allerdings nur einen kleinen Ausschnitt. Die Arbeit an den Chroniken begann ja mit dem Erstellen der Landkarte. Und erst danach wollte ich auch Geschichten dort ansiedeln. Kanduras wird von einem gewaltigen Bergmassiv in eine Nord- und eine Südhälfte geteilt. Nun muss man aber „gewaltig“ in den Kontext der suggerierten Zeit setzen. Hannibal hat die Alpen ja auch überquert und die Todfelsen sind also eher „Alpen plus tausend Meter“. Dennoch haben sich die beiden Hälften völlig unterschiedlich entwickelt. Im Norden herrschen Barone, Grafen, Fürsten und der König. Allerdings sind die Länder klein und meist nicht gut aufeinander zu sprechen. Die diplomatischen Beziehungen sind eher abgekühlt. Auffällig ist auch, dass der Norden des Kontinents etwas größer ist und einen Großteil der alten Völker (Elfen, Zwerge und Barbaren) neben den Menschen beherbergt. Das liegt daran, dass die Menschen ursprünglich von ihrem Gott aus dem Süden herausgeführt wurden. Die ganze Vorgeschichte ergäbe eine eigene Trilogie (steckt da ein Plan dahinter?), deshalb reiße ich sie nur kurz an. Kanduras wurde ursprünglich von den vier Elementarprinzen beherrscht. Erst als der Göttervater Aurelion das Land betrat konnten die sterblichen Völker befreit werden. Aurelion erschuf die Götter und jeder von ihnen wählte sich ein Volk aus, das er anführen würde. Doch die Allianz der Götter zerbricht, der Göttervater selbst wendet sich gegen seine Kinder. Im Krieg der Götter erschafft Aurelion dann die Dämonen. Um die Macht auf Kanduras kämpfen fortan also drei Glaubensrichtungen: Die Götter, die Dämonen und die Elementare.

Das war alles ein Teil der Vorgeschichte, die ich lange vor dem ersten Wort an den Chroniken aufschrieb. In den Chroniken selbst begleitet der Leser den Engelssohn Tharador. Engeln ist das direkte Eingreifen in das Schicksal der Welt untersagt, aber Tharadors Vater findet eine Grauzone in diesem Verbot und zeugt einen Sohn, einen Paladin. Durch Tharador fließt die göttliche Macht, die er natülich zum Wohle der Menschheit einsetzen wird. Ihm gegenüber steht der einstige Freund, Dergeron, der von einem Magier korrumpiert wurde. Man kann sagen, dass die Chroniken sich weniger um den Konflikt „Gut gegen Böse“ drehen, als vielmehr um das zentrale Thema der Freundschaft, und was sie auszuhalten vermag, und die Suche nach der eigenen Bestimmung. Möglicherweise spielt hier ein wenig meine Jugend mit, da auch dies zwei zentrale Fragen in meinem Leben waren, wenn auch nicht ganz so theatralisch formuliert.

Marc-Florian Wendland: Was hat dich zu dieser umfangreichen Geschichte inspiriert? Wie lange hast du an dem Plott gewerkelt, ehe das grobe Handwerk der Schreiberei begonnen hat?

Stephan R. Bellem: Das ist sehr schwer zu sagen, denn den ersten Band schrieb ich aus einem reinen Bauchgefühl heraus. Ich wusste ungefähr, was ich aussagen will, aber hatte keinen Schimmer, wie ich das tun soll. So setzte ich Buchstabe an Buchstabe und irgendwann ergab das alles auch einen Sinn. *g* Mit jedem Absatz verstand ich das Handwerk besser, informierte mich nebenher zusätzlich darüber und bald war das impulsive Schreiben Geschichte. Heute plane ich ca. 80% der Handlung minutiös durch, lasse mir aber den nötigen Raum für Spontanität. Einen Plot zu erstellen ist erstaunlich leicht, wenn ich einige Grundfragen geklärt habe. Jedem Roman liegt ein großes Thema zugrunde, das sich durch ihn hindurch zieht. Und die Handlung wird dann von den zentralen Figuren bestimmt. Wenn ich diese Dinge, also Figuren und zentrale Aussage, kenne, dann ergibt sich die Handlung fast von allein. Zumindest empfinde ich es so.

Marc-Florian Wendland: Der Plott zu „Tharador“, dem ersten Paladin-Band, liest sich recht klassisch, im Stile von Tolkiens Ringepos gehalten. Ein vermeintlicher Held, der sich seiner Bestimmung nicht bewusst ist, zieht durch übersinnliche Fügungen los und besiegt einen bösen Tyrannen, der droht die Welt an sich zu reißen. Hattest damals du keine Befürchtungen das Stimmen laut werden könnten à la: „Hatten wir alles schon x mal.“ Was macht „Tharador“ und die Chroniken deiner Meinung nach einzigartig (ich weiß, das ist eine schwierige Frage an einen Autoren)?

Stephan R. Bellem: Ich hatte da keine Befürchtung, es war vielmehr eine Gewissheit, dass solche Kritik laut würde. Allerdings sah und sehe ich da kein großes Problem. Einerseits da heute so viele Geschichten auftauchen, die als „unklassisch“ bezeichnet werden, dass es nicht schaden kann, wenn es hin und wieder eine kleine Rückbesinnung gibt. Nein, ernsthaft, Tharador versteht sich auch als kleine Hommage an die Fantasy der 80er Jahre, in meinen Augen ist gute Sword & Sorcery noch immer gefragt. Aber die klassischen Ansätze sind nur oberflächlicher Natur. Wer das Buch liest, wird feststellen, dass sich beispielsweise die Orks fern von jeglichem Klischee bewegen, ebenso der Paladin-Aspekt. Das Amulett hingegen zieht seine Spannung unter Anderem aus einer Dreiecksbeziehung voller Intrigen und einem der letzten lebenden Götter. Ich könnte jetzt natürlich noch lange fabulieren, was mir an meinen Büchern gefällt, aber das erscheint mir nicht richtig. Eins vielleicht noch: Man muss den ersten Teil nicht zwangsläufig kennen, um den zweiten zu verstehen.

Marc-Florian Wendland: Zu einer Trilogie gehören bekanntlich drei Teile. Verrätst du den Neugierigen von uns, was sich im letzten Band tragischen ereignen wird?

Stephan R. Bellem: Was? Jetzt schon verraten, was passiert? Das geht wohl leider nicht. Aber ich will es mal versuchen. Nach dem dramatischen Ende des „Amuletts“ setzt der dritte Teil direkt ein. Und „Das Buch Karand“ wird die Paladin-Trilogie abschließen. Naja, vielleicht ein paar kleine Infos. Der Graf wird das Geheimnis seiner neuen Gemahlin (ja, es gibt eine Heirat) lüften. Khalldeg wird weitere, für die Gruppe, folgenschwere Entscheidungen treffen müssen, wenn sie auf dem Gipfel überleben wollen. Und dann ist da noch der junge Magier Dezlot, der nach dem Tod seines Mentors auf der Suche nach dessen Mörder dem Griff der Kleriker entgehen muss. Das dritte Buch zu schreiben hat mir unglaublichen Spaß gemacht, aber auch großen Kummer. Ich habe lange über dem Ende gegrübelt. Ich hatte von Beginn an das passende Ende der Geschichte im Kopf, sträubte mich aber es umzusetzen. Ja, im letzten Drittel wird die Flagge ganz schön häufig auf Halbmast hängen. Ist schon komisch, dass es einem schwerfällt die selbst erdachten Figuren ihrer „Bestimmung“ zuzuführen.

Marc-Florian Wendland: Du kündigtest jüngst auf deiner Homepage an, an einem neuen Projekt zu arbeiten. Gibt es schon was spruchreifes, in welche Richtung es dieses mal gehen wird?

Stephan R. Bellem: Hmm, ich denke darüber darf ich noch viel weniger sagen. Aber es wird düsterer werden, als meine bisherigen Bücher. Reifer und erwachsener, soviel steht fest. Ich denke auch, dass mir einige sehr interessante Figuren darin gelingen. Es ist keine Sword & Sorcery, wenn ich auch meine Liebe zu schneller Action nicht verleugnen kann.

Marc-Florian Wendland: Otherworld hat angekündigt vorerst keine deutschen Autoren mehr aufzunehmen und sich vermehrt auf die Lizenzeinkäufe zu konzentrieren. Wirst du dich für deine folgenden Projekte nach einem neuen Verlag umschauen müssen oder gehörst du gewissermaßen schon „zum Inventar“ bei Otherworld?

Stephan R. Bellem: Ich denke, es gibt nur wenige Autoren, die bei einem Verlag zum Inventar gehören. Und ich muss auch gestehen, dass ich davon zwar Ahnung habe, das aber gerne in die Hände meiner fähigen Agentin lege. So muss man das von Projekt zu Projekt neu betrachten.

Marc-Florian Wendland: Zu guter Letzt eine Frage an den Leser Bellem. Welche Art Literatur liest er am liebsten?

Stephan R. Bellem: Ich lese natürlich gerne Fantasy. Aber auch Krimis und Thriller. Momentan komme ich leider viel zu wenig dazu. Dass ich die Vergessenen Reiche von Salvatore lese, habe ich ja schon gesagt, aber in meinem Regal stehen auch einige andere Autoren.

Marc-Florian Wendland: Stephan, im Namen von webcritics.de danke ich dir recht herzlich und wünsche dir für deine berufliche wie schriftstellerische Laufbahn alles Gute.

Stephan R. Bellem wurde 1981 in Heidelberg geboren, wo er seit geraumer Zeit das pulsierende Leben der Universitätsstadt genießt. Nach dem Abitur schloss er zunächst eine Lehre als Bankkaufmann ab, kehrte der Finanzwelt dann allerdings den Rücken, um Soziologie zu studieren. Die freiere Zeiteinteilung des Studiums erlaubt es ihm, sich stärker auf das Schreiben zu konzentrieren.„Tharador“ belegte bei der Wahl zum Deutschen-Phantastik-Preis 2008 den zweiten Platz in der Kategorie „bester deutschsprachiger Roman“

Eine Leseprobe zu Stephan R. Bellems zweiten Band der "Chroniken des Paladins" findet Ihr hier: http://webcritics.de/page/reviews.php5?id=2517