Navigation

Seiten der Rubrik "Bücher"


Google Anzeigen

Anzeigen

Bücher

Leben mit Loos


Statistiken
  • 4666 Aufrufe

Informationen zum Buch
  ISBN
  Herausgeber
  Verlag
  Sprache
  Seiten
  Erscheinungsjahr
  Extras

Rezension von

Matthias Pierre Lubinsky

Leben mit Loos »Gut gekleidet sein, wer möchte das nicht?« fragte 1898 spöttisch-provozierend der österreichische Architekt Adolf Loos in einem Zeitschriftenaufsatz. »Unser Jahrhundert hat mit den Kleiderordnungen aufgeräumt und Jedem steht nun das recht zu, sich wie der König anzuziehen. Als Gradmesser für die Kultur eines Staates kann der Umstand gelten, wie viele seiner Einwohner von dieser freiheitlichen Errungenschaft Gebrauch machen.« In England und Amerika seien dies »alle«. Und in seiner Heimat Österreich? »Ich wage diese Frage nicht zu beantworten«, schalkt Loos, den man heute wohl »Stararchitekt« nennen würde. Im Gegensatz zu vielen Heutigen hätte er jedoch diesen Titel verdient. Denn Loos hat sich substanziell mit dem Geistigen, mit den kulturellen Voraussetzungen dessen, was er da entwarf, auseinandergesetzt. Seine überbrodelnde Energie und Wissbegierde führten dazu, dass er sich nicht auf den Bereich der reinen (Entwurfs-) Architektur beschränkte. Denn bekannt wurde Loos nach einem dreijährigen USA-Aufenthalt in Wien nicht durch Bauwerke. Zuerst waren es Artikel wie der oben zitierte, in denen er zu vielerlei Geschmacksfragen Stellung nahm und die seinen Namen in Windeseile verbreiteten. Dem Facettenreichtum dieses Wegbereiters der österreichischen Moderne widmet sich jetzt ein Sammelband: »Leben mit Loos«. Zugrunde liegt dem Band ein wissenschaftliches Symposion im Wiener Looshaus 2006, das die beiden Herausgeber organisiert haben. So ist der Anspruch des gewichtigen Bandes ein umfassender: Der Kontext sei das beste Korrektiv des allzu eifrigen Exegeten, schreiben die Herausgeber in ihrer Einleitung und suchen sich damit vor allzu flüchtigen Urteilen zu schützen. Sie versuchen, der Vielseitigkeit von Loos gerecht zu werden durch die Heranziehung von Wissenschaftlern der verschiedenen Disziplinen: Kunstgeschichte, Architektur, Germanistik, Literaturwissenschaft, Soziologie und Musikwissenschaft. Die Basis für das durchgängig hohe Niveau der Beiträge legt anfänglich die Präsentation der vorhandenen Literatur über Loos, an der man sich orientiert. Betont wird dabei das methodische Vorgehen, Loos überhaupt nur gerecht werden zu können, wenn der schmale Tellerrand der jeweiligen einzelnen Wissenschaftsdisziplin überschritten würde. Dieses durchgängig hohe Level macht es dem Rezensenten schwer, sich auf einige, wenige Beiträge – pars pro toto – beschränken zu müssen. Jeder einzelne Aufsatz schließt lückenlos an den Forschungsstand an, ist dabei sachlich, bereichernd und unterhaltsam zugleich. Abgerundet wird der positive Gesamteindruck durch die optische Gestaltung, die manchmal beinahe Loos’sche Ironie anzunehmen vermag. Als Beispiel genannt sei der Text von Loos über die »Herrenmode« , dem Photos einer Aktion von Heinz Frank beigestellt wurden. Der Wiener Künstler setzte sich um 1970 intensiv mit dem Verhältnis zwischen Architektur/ Kleidung/ Haut auseinander. Seine Beschäftigung mit Loos’ Aufsatz hatte die dokumentierte Photoserie zum Ergebnis. Franks Posen sind voller wunderbarer ironischer Selbstreflexion und erneuern den Text. Sie lassen ihn neu erfahrbar werden. Hermann Czech fragt in seiner Untersuchung nach der Aktualität von Loos. Bedeutsam ist Czechs Feststellung, Loos habe sich in seiner Architektur nicht gegen das Ornament an sich gewandt, sondern gegen die Erfindung neuer Ornamente. Die Sichtweise auf Loos als Vertreter der Moderne und radikaler Ablehner des Jugendstils greift deutlich zu kurz. Denn zugleich war Loos ein Bewahrer des Vorhandenen und argumentierte: »Fürchte nicht, unmodern gescholten zu werden. Veränderungen der alten Bauweise sind nur dann erlaubt, wenn sie eine Verbesserung bedeuten, sonst aber bleibe beim Alten. Denn die Wahrheit, und sei sie hunderte von Jahren alt, hat mit uns mehr Zusammenhang als die Lüge, die neben uns schreitet.« Manfred Russo analysiert Loos’ Designethik – und kommt nicht zufällig zu dessen Dandyismus: »Korrekte Kleidung bedeutet bei Loos so angezogen zu sein, dass man am wenigsten auffällt. Hier kommen wir bereits zu einer wesentlichen Dimension des Dandytums, das sich nicht durch oppositionelles Verhalten, sondern durch eine feine Differenzierung innerhalb der Konventionen der Gesellschaft bestimmt.« Der Dandy akzeptiere die Kleidervorschriften genau und unterlaufe sie nur ironisch durch die Betonung eines bestimmten Details. Anders ausgedrückt: Der Dandy hält die gesellschaftlichen Konventionen grundsätzlich ein, um sie bei Bedarf innerhalb der upper class brechen zu können. »Ein Dandy fällt nur durch subtile Zeichen, niemals aber durch das Tragen vulgärer Mode auf.« So sieht es Russo in seinem intelligenten Text als Zeichen von Loos’ Dandytum, dass dieser mit seinem Begriff der Modernität vorübergehend der Zeitlosigkeit nahegekommen sei. Weitere Aufsätze von Elana Shapira über Loos’ Ethik der Herrenbekleidung, Rainald Franz über Loos’ Kulturbegriff oder von Anders V. Munch, Inge Podbrecky und Klaralinda Ma können hier nur erwähnt werden. Sigurd Paul Scheichl thematisiert eine weitere bedeutende Facette von Loos’ Dandyismus: die Selbststilisierung in seiner publizistischen Prosa. Scheichl legt dar, wie Loos bemüht war über das Medium seiner Sprache, sich als Reformator, Prophet, Verkannter &C. &C. zu präsentieren. An die Satire-Zeitschrift Ulk schrieb Loos einen Leserbrief, weil diese sich über seine Ornament-Verachtung belustigt hatte: »Lieber ulk! Und ich sage dir, es wird die zeit kommen, in der die einrichtung einer zelle vom hoftapezierer Schulze oder vom professor Van de Velde als strafverschärfung gelten wird. Adolf Loos« Ein grandioses Buch, das uns den Loos in all seinen dandyistischen Facetten wieder näherbringt. Eine furiose Sammlung von tiefschürfenden und intelligenten Aufsätzen – wissenschaftlich und kulturell en vogue. Österreicher, seid Stolz auf Euren Loos!

»Gut gekleidet sein, wer möchte das nicht?« fragte 1898 spöttisch-provozierend der österreichische Architekt Adolf Loos in einem Zeitschriftenaufsatz. »Unser Jahrhundert hat mit den Kleiderordnungen aufgeräumt und Jedem steht nun das recht zu, sich wie der König anzuziehen. Als Gradmesser für die Kultur eines Staates kann der Umstand gelten, wie viele seiner Einwohner von dieser freiheitlichen Errungenschaft Gebrauch machen.« In England und Amerika seien dies »alle«. Und in seiner Heimat Österreich? »Ich wage diese Frage nicht zu beantworten«, schalkt Loos, den man heute wohl »Stararchitekt« nennen würde.

weitere Rezensionen von Matthias Pierre Lubinsky


Im Gegensatz zu vielen Heutigen hätte er jedoch diesen Titel verdient. Denn Loos hat sich substanziell mit dem Geistigen, mit den kulturellen Voraussetzungen dessen, was er da entwarf, auseinandergesetzt. Seine überbrodelnde Energie und Wissbegierde führten dazu, dass er sich nicht auf den Bereich der reinen (Entwurfs-) Architektur beschränkte. Denn bekannt wurde Loos nach einem dreijährigen USA-Aufenthalt in Wien nicht durch Bauwerke. Zuerst waren es Artikel wie der oben zitierte, in denen er zu vielerlei Geschmacksfragen Stellung nahm und die seinen Namen in Windeseile verbreiteten.

Dem Facettenreichtum dieses Wegbereiters der österreichischen Moderne widmet sich jetzt ein Sammelband: »Leben mit Loos«. Zugrunde liegt dem Band ein wissenschaftliches Symposion im Wiener Looshaus 2006, das die beiden Herausgeber organisiert haben.

So ist der Anspruch des gewichtigen Bandes ein umfassender: Der Kontext sei das beste Korrektiv des allzu eifrigen Exegeten, schreiben die Herausgeber in ihrer Einleitung und suchen sich damit vor allzu flüchtigen Urteilen zu schützen. Sie versuchen, der Vielseitigkeit von Loos gerecht zu werden durch die Heranziehung von Wissenschaftlern der verschiedenen Disziplinen: Kunstgeschichte, Architektur, Germanistik, Literaturwissenschaft, Soziologie und Musikwissenschaft. Die Basis für das durchgängig hohe Niveau der Beiträge legt anfänglich die Präsentation der vorhandenen Literatur über Loos, an der man sich orientiert. Betont wird dabei das methodische Vorgehen, Loos überhaupt nur gerecht werden zu können, wenn der schmale Tellerrand der jeweiligen einzelnen Wissenschaftsdisziplin überschritten würde.

Dieses durchgängig hohe Level macht es dem Rezensenten schwer, sich auf einige, wenige Beiträge – pars pro toto – beschränken zu müssen. Jeder einzelne Aufsatz schließt lückenlos an den Forschungsstand an, ist dabei sachlich, bereichernd und unterhaltsam zugleich. Abgerundet wird der positive Gesamteindruck durch die optische Gestaltung, die manchmal beinahe Loos’sche Ironie anzunehmen vermag. Als Beispiel genannt sei der Text von Loos über die »Herrenmode« , dem Photos einer Aktion von Heinz Frank beigestellt wurden. Der Wiener Künstler setzte sich um 1970 intensiv mit dem Verhältnis zwischen Architektur/ Kleidung/ Haut auseinander. Seine Beschäftigung mit Loos’ Aufsatz hatte die dokumentierte Photoserie zum Ergebnis. Franks Posen sind voller wunderbarer ironischer Selbstreflexion und erneuern den Text. Sie lassen ihn neu erfahrbar werden.

Hermann Czech fragt in seiner Untersuchung nach der Aktualität von Loos. Bedeutsam ist Czechs Feststellung, Loos habe sich in seiner Architektur nicht gegen das Ornament an sich gewandt, sondern gegen die Erfindung neuer Ornamente. Die Sichtweise auf Loos als Vertreter der Moderne und radikaler Ablehner des Jugendstils greift deutlich zu kurz. Denn zugleich war Loos ein Bewahrer des Vorhandenen und argumentierte: »Fürchte nicht, unmodern gescholten zu werden. Veränderungen der alten Bauweise sind nur dann erlaubt, wenn sie eine Verbesserung bedeuten, sonst aber bleibe beim Alten. Denn die Wahrheit, und sei sie hunderte von Jahren alt, hat mit uns mehr Zusammenhang als die Lüge, die neben uns schreitet.«

Manfred Russo analysiert Loos’ Designethik – und kommt nicht zufällig zu dessen Dandyismus: »Korrekte Kleidung bedeutet bei Loos so angezogen zu sein, dass man am wenigsten auffällt. Hier kommen wir bereits zu einer wesentlichen Dimension des Dandytums, das sich nicht durch oppositionelles Verhalten, sondern durch eine feine Differenzierung innerhalb der Konventionen der Gesellschaft bestimmt.« Der Dandy akzeptiere die Kleidervorschriften genau und unterlaufe sie nur ironisch durch die Betonung eines bestimmten Details. Anders ausgedrückt: Der Dandy hält die gesellschaftlichen Konventionen grundsätzlich ein, um sie bei Bedarf innerhalb der upper class brechen zu können. »Ein Dandy fällt nur durch subtile Zeichen, niemals aber durch das Tragen vulgärer Mode auf.« So sieht es Russo in seinem intelligenten Text als Zeichen von Loos’ Dandytum, dass dieser mit seinem Begriff der Modernität vorübergehend der Zeitlosigkeit nahegekommen sei.

Weitere Aufsätze von Elana Shapira über Loos’ Ethik der Herrenbekleidung, Rainald Franz über Loos’ Kulturbegriff oder von Anders V. Munch, Inge Podbrecky und Klaralinda Ma können hier nur erwähnt werden.

Sigurd Paul Scheichl thematisiert eine weitere bedeutende Facette von Loos’ Dandyismus: die Selbststilisierung in seiner publizistischen Prosa. Scheichl legt dar, wie Loos bemüht war über das Medium seiner Sprache, sich als Reformator, Prophet, Verkannter &C. &C. zu präsentieren. An die Satire-Zeitschrift Ulk schrieb Loos einen Leserbrief, weil diese sich über seine Ornament-Verachtung belustigt hatte:

»Lieber ulk!

Und ich sage dir, es wird die zeit kommen, in der die einrichtung einer zelle vom hoftapezierer Schulze oder vom professor Van de Velde als strafverschärfung gelten wird.

Adolf Loos«

Ein grandioses Buch, das uns den Loos in all seinen dandyistischen Facetten wieder näherbringt. Eine furiose Sammlung von tiefschürfenden und intelligenten Aufsätzen – wissenschaftlich und kulturell en vogue.

Ă–sterreicher, seid Stolz auf Euren Loos!

geschrieben am 28.11.2008 | 814 Wörter | 5129 Zeichen

Kommentare lesen Kommentar schreiben

Kommentare zur Rezension (0)

Platz für Anregungen und Ergänzungen