
In der Schriftsteller-Szene ist Oliver Plaschka ein „noch“ unbeschriebenes Blatt. Die Ankündigung zu seinem Debütroman „Fairwater” (im Verlag Feder&Schwert, voraussichtlich ab Oktober 2007 erhältlich) war Grund genug für Webcritics.de, auf das leere Blatt „Oliver Plaschka“ ein paar erste Tintenstriche zu ziehen.
Florian Wendland: Guten Tag Oliver, lass uns gleich „in die Vollen“ gehen. Wer ist Oliver Plaschka, erzähl doch ein Bisschen über dich bitte.
Oliver Plaschka: Hallo Florian. Erst einmal vielen Dank für dieses Gespräch, und ein aufrichtiges Kompliment für Deine Arbeit. Was Deine erste Frage betrifft – irgendwie muss ich da immer an diese Babylon 5-Folge denken, in der Jack the Ripper Delenn fast zu Tode foltert, weil sie sich lediglich in eine Aufzählung ihrer biographischen Stationen verstrickt, die Frage nach dem „wer“ aber nicht vernünftig beantworten kann. Und dummerweise habe ich vergessen, wie sie sich am Ende dann herausgeredet hat ... Ich will’s also mal über das Ausschlussprinzip versuchen: wenn ich ein grundlegend anderer Mensch werden wollte, müsste ich mir die Haare schneiden, Charts-Musik hören, mit Fleisch essen beginnen, eine Abneigung gegen Science Fiction & Fantasy entwickeln, Rollenspiel total doof finden, das Schreiben und die Musik an den Nagel hängen, in eine fremde Großstadt ziehen, gelbe Klamotten tragen und versuchen, möglichst viel Geld zu verdienen. Das alles sind Sachen, die mir noch nie sonderlich lagen, und an denen sich die letzten zwanzig Jahre auch nicht viel geändert hat. Der Form halber sei aber erwähnt, dass ich ein abgeschlossenes Studium in Ethnologie, Anglistik und südasiatischer Geschichte in der Tasche habe – falls das irgendwer als berufliche Qualifikation ansehen möchte...
Florian Wendland: Kommen wir zu „Fairwater“. Kannst du uns kurz umreißen, in welche Richtung sich die Leseprobe weiterentwickelt, also, was denkst du ist die Zielgruppe deines Debütromans?
Oliver Plaschka: Die Leseprobe besteht aus zwei Teilen, die beide dem ersten Kapitel entnommen sind. Im ersten begegnen wir der Reporterin Gloria, wie sie zurück in die Stadt ihrer Kindheit reist, um der Beerdigung eines alten Freundes beizuwohnen. Dort wird sie bald in einen mysteriösen Mordfall verwickelt. Der zweite Teil der Leseprobe ist die Beschreibung eines Treffens zwischen ihr und dem Mörder, aus seiner Perspektive erzählt. Dazwischen liegen eine Menge skurriler Erlebnisse und detektivischer Kleinarbeit. Allerdings wird dieser Krimiplot sehr schnell zu etwas ganz anderem, und er dient auch nur als Aufhänger, um das Schicksal verschiedener Bewohner Fairwaters über die Jahrzehnte hinweg zu verfolgen. Da gab es Ufo-Entführungen, Voodooriten, Zaubergeiger, mehrere Katzen und mindestens einen Vampir mit einer Persönlichkeitsstörung. Und eigentlich kennt jeder jeden und findet es ganz in Ordnung, dass die Stadt ein wenig verschroben ist. Dazu eine gute Prise Liebe, Verrat und Nostalgie über beides. Ob so etwas eine Zielgruppe hat? Klar! (Verdammt, ich wüsste zu gerne, was David Lynch hier als Antwort gegeben hätte...)
Florian Wendland: Wie entstand die Idee zu „Fairwater“. Musstest du sie suchen oder brach sie quasi wie das berühmte „brennende Haus“ über dir zusammen?
Oliver Plaschka: Bei der Zusammenfassung, die ich gerade versuchte, zu geben, bezweifle ich, dass ich die Idee je gefunden hätte, wenn ich sie hätte suchen müssen! Nein im Ernst, eins führte zum anderen. Ich saß damals gerade in England, und es war eine relativ einsame Zeit. Ich wollte schreiben, ich hatte einen Kurs an der Uni hinter mir, der mich an H.P. Lovecraft und seine Geistesgenossen heranführte; und ich hatte mich ziemlich über einen französischen Strukturalisten namens Roger Caillois geärgert, der die Meinung vertrat, der Einbruch des Übernatürlichen in unsere Welt müsse unbedingtes Entsetzen verursachen. Ich wollte aber Geschichten schreiben, die das Übernatürliche mit offenen Armen willkommen hießen... Heute weiß ich, dass ich in dieser Beziehung eher auf einer Linie mit C.S. Lewis oder Tolkien liege. Und selbst Lovecraft hatte seine „lichten“ Momente. Wie auch immer, es gab da einen Kurzgeschichtenwettbewerb von arte, der dem literarischen Held meiner späten Kindheit – Stephen King – gewidmet war. Ich glaube, das Thema war ganz lapidar „Tod“. Also habe ich eine Geschichte geschrieben, sie eingesandt... und verloren. Selbstverständlich habe ich mir danach den Gewinnerbeitrag besorgt, ihn verachtet, und den Wettbewerb als abgekartetes Spiel abgetan. „Die Prinzessin von Schedir“ aber, was der Titel jener ersten Episode war, die ich schrieb, ist heute das vorletzte Kapitel von „Fairwater“, und eine Art Schlüsselszene des Romans. Das nächste, was mir damals nämlich auffiel, war, dass ich in meinem Bestreben, ein möglichst frei interpretierbares Stück Phantastik zu schreiben, tatsächlich mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet hatte. Zum Beispiel waren da eine Menge Namen und Figuren, die ursprünglich nur als Platzhalter gedacht waren – eine Sängerin mit Namen Lucia, ein merkwürdiges Wesen namens Mandelblum – und ich wollte wissen, wer sie waren. Also widmete ich jedem von ihnen eine weitere Geschichte. Und Schritt für Schritt begann ich den infernalischen Masterplan hinter allen Geschichten zu sehen... Zu diesem Zeitpunkt war ich dann schon wieder in Deutschland, was sich auch positiv auf die Menge verwendeter Partizipialkonstruktionen auswirkte.
Florian Wendland: Gab es Momente an denen du dachtest, dass du die Geschichte niemals zu Ende erzählen würdest?
Oliver Plaschka: Erstaunlicherweise nein. Es gibt leichte Geburten und schwere Geburten bei Romanen – manche kriegt man nur per Kaiserschnitt aus sich raus – aber „Fairwater“ war ein sehr dankbares Kind. Es hat mich viel Kraft gekostet, das ist wahr, aber es wusste genau, was es wollte, es hatte auch seinen eigenen Zeitplan. Wenn wir diese Natal-Analogie aber mal beiseite lassen, hatte es auch sehr viel damit zu tun, dass ich den Roman im letzten Semester meines Studiums schrieb. Ich musste damals noch nicht für meinen Lebensunterhalt arbeiten, und die Möglichkeit, seine ganze Energie einer Sache zu widmen, sollte nicht unterschätzt werden.
Florian Wendland: Wie kam der Kontakt zu Feder&Schwert zustande?
Oliver Plaschka: Das ist eine ziemlich absurde Geschichte... Weißt Du, ich habe lange Zeit versucht, den Roman auf eigene Faust zu verkaufen, doch wenn man wie ich das Verkaufstalent eines manisch-depressiven Teilchenphysikers besitzt, ist das eine schlechte Idee, weil man den Leuten nämlich immer nur davon erzählt, wie wichtig einem diese Sache ist, die man da hat, ihnen aber nicht klar zu machen vermag, weshalb es sie interessieren sollte. Die Situation änderte sich gewaltig, als mir ein Bekannter empfahl, eine mail an Natalja Schmidt zu schreiben. Natalja zeigte sofort Interesse, weil sie sich (was ich aber nicht wusste) gerade mit dem Gedanken trug, eine Agentur zu gründen. Was daraus wurde, kann man heute auf der Homepage von Schmidt & Abrahams nachlesen... Möglicherweise geschah diese ganze Kontaktaufnahme im Endeffekt aus einem Missverständnis heraus, aber das wusste ich damals zum Glück ja auch nicht. Und dass ich sowohl Natalja als auch Julia Abrahams eigentlich schon Jahre zuvor auf Liverollenspielen kennen gelernt, sie dann aber aus den Augen verloren hatte, ist wieder eine andere Geschichte. In der Folge machten wir dann das, was man fast immer zu Anfang macht: wir sammelten Absagen. Den großen Verlagen war Fairwater für Fantasy irgendwie zu realistisch und für Realismus irgendwie zu phantastisch. Die Wahrheit ist, die nicht-ganz-so-großen Verlage sind öfter bereit, außerhalb von Schubladen zu denken; obwohl man meinen könnte, dass gerade sie sich Risiken eigentlich viel weniger erlauben können. Den Kontakt zu Feder&Schwert hat dann jedenfalls die Agentur hergestellt. Und verrückterweise kenne ich meinen Verleger und einige seiner Mitarbeiter ebenfalls ursprünglich von Liverollenspielen – bloß nicht von denselben, und es wäre mir auch nie in den Sinn gekommen, sie auf meinen Roman anzusprechen. Ich meine, sie hatten einen Verlag, ich einen Roman, bestand deswegen da jetzt irgendein Zusammenhang...? Offenbar brauchte ich eine Agentin, um den herzustellen... Der einzige Schluss, den ich hieraus ziehen kann, ist der folgende: jede Geschichte einer erfolgreichen Vermittlung ist eine Kombination dreier Faktoren, nämlich Talent, Beziehungen, und Glück. Hat man von einem der dreien weniger, braucht man von den anderen beiden etwas mehr. Ob ich jetzt Talent habe, sollen besser meine Leser entscheiden, aber was das und auch die anderen beiden Faktoren betrifft, so hat Christoph Marzi einmal gesagt, dass alles, was man wirklich mit Hingabe tut, sich irgendwann für einen auszahlt – und damit hat er völlig recht. Dies nur als Hinweis an all die da draußen, denen manch „Arrivierte“ regelmäßig die letzten Reste ihres Selbstbewusstsein aus dem Schädel zu quatschen bemüht sind.
Florian Wendland: Was inspiriert dich zu einer Geschichte oder einem Roman? Die Palette ist da ja genauso lang wie vielfältig. Was treibt dich an?
Oliver Plaschka: Diese Frage fällt mir schwer zu beantworten. Ich glaube, ich gehöre zu den Autoren, die sich ziemlich schamlos bei allem bedienen, was irgendwie in ihr Unterbewusstsein gelangte und nicht mehr recht weiß, wo es eigentlich hingehört. Das wären also Kindheitserinnerungen, vor Ewigkeiten gesehene Spielfilme, Bilder, Träume, all diese vagen, omnipräsenten Eindrücke, die einen immerzu begleiten. Manchmal fällt es nicht leicht, sie an die Oberfläche zu spülen (mir hilft da Kaffee und laute Musik, und damit stehe ich glaube ich ziemlich alleine da), aber eigentlich sind sie immer da. Ehrlich. Um das Ganze dann allerdings wirklich niederzuschreiben, braucht es schon den unbedingten Glauben daran, dass es aus irgendeinem verrückten Grund Sinn machen könnte, das zu tun. Man muss eine Obsession entwickeln. Sonst langweilt man sich bei der Arbeit.
Florian Wendland: Aus verlässlicher Quelle habe ich auf der Leipziger Buchmesse erfahren, dass du mit einem meiner Lieblingsautoren eine lockere Bekanntschaft pflegst. Die Rede ist von Peter Beagle! Stimmt das, und wenn ja, wie kam es denn dazu?
Oliver Plaschka: Bei diesem Thema musst Du aufpassen, dass ich nicht morgen noch hier sitze und rede... Peter S. Beagle ist für mich in vielerlei Hinsicht ein Vorbild, aber vor allem ist er wahrscheinlich der beste Fantasyautor, den die Welt seit Jahrzehnten gesehen hat. Es fällt schwer, persönliche Eindrücke nicht zu verallgemeinern, aber ich denke, dass viele Menschen es nachempfinden können, wenn ich sage, dass „Das Letzte Einhorn“ mein Leben verändert hat. Diese Geschichte begleitete mich durch sehr verschiedene Phasen meines Lebens, und sie hatte mir immer wieder etwas zu sagen. Genau wie „Es kamen drei Damen im Abendrot“ oder „Das Volk der Lüfte“, die ich persönlich zu seinen besten Romanen rechne. Peter hat die Gabe, in einem Grenzbereich zwischen ernster Dramatik und leichter Satire, zwischen Poesie und Abenteuer zu leben, die ich für einzigartig halte, und er behandelt seine Figuren immer mit Würde, trotz ihrer Schwächen. Sie haben einen Blick auf die Welt, der mich glücklich macht, wenn ich ihn mir aneigne – besser kann ich es nicht beschreiben. Lange Zeit dachte ich, dass ich einfach eine Macke habe, und freundete mich damit an. Ich jagte Peters Bücher in Antiquariaten, saß mit einem Sixpack und einer Gitarre auf Wiesen herum und sang die Lieder, die er seinen Figuren in den Mund gelegt hatte, ohne zu wissen, dass er am anderen Ende der Welt seit Jahren dasselbe tat, bloß besser als ich und vor größerem Publikum. Dann erfand irgendein Verrückter das Internet, auf einmal fielen alle Geheimnisse, und ich schrieb ihm einen Brief, mit dem ich ihm eine Aufnahme eines dieser Lieder schickte. Kurze Zeit später bekam ich eine email – ich muss glaube ich kaum sagen, wie sehr ich von den Socken war – und wir hatten eine Weile einen losen Briefverkehr, bis er mich irgendwann fragte, ob ich nicht Lust hätte, nach Slowenien zu kommen, wo er als Gast beim internationalen P.E.N.-Kongress wäre. Aus amerikanischer Sicht ist das nun praktisch um die Ecke, und irgendwie hat er ja auch recht damit. Trotzdem ist Bled, wo der Kongress stattfand, schon eine Kante, und meine Freundin musste sich damals gerade um ihre kranke Mutter kümmern. Also nötigte ich Matt, einen guten Freund, mit mir in ein Auto zu steigen, und wir fuhren unter den Alpen durch. Die ganze Sache endete dann damit, dass wir als Peters Leibwächter auf einem Empfang des slowenischen Außenministers landeten... Ich glaube, Peter hat eine natürliche Gabe, solche Geschichten anzuziehen. Sie passieren ganz einfach um ihn herum, so wie Wetterleuchten. Für einen Schriftsteller natürlich ideal. Er ist jedenfalls ein wunderbarer Mensch, und ich hoffe, ihn diesen Sommer wiederzusehen, diesmal in seiner Heimat, Kalifornien. Außerdem würde ich gerne die Gelegenheit ergreifen, jeden seiner Fans, der das hier liest, auf Peters Homepage oder die Homepage seines Freunds und Verlegers Connor Cochran aufmerksam zu machen – dort gibt es nämlich nicht nur aufregende Neuigkeiten über Peters nächste Projekte, sondern auch Einblicke in die Welt der Medienmogule, die einem die Tränen in die Augen treiben. Die traurige Wahrheit ist, dass Peter, der sowohl die literarische Vorlage als auch das Drehbuch zum „Letzten Einhorn“ schrieb, seit Jahrzehnten keinen einzigen Cent an keiner einzigen Kopie dieses Zeichentrickfilms verdient, der in Deutschland bei seinem Kinostart erfolgreicher war als „Star Wars“. Mehr hierzu auf www.conlanpress.com und www.peterbeagle.com.
Florian Wendland: Natürlich die obligatorische Frage: Was kommt als Nächstes? Hast du bereits Pläne, Plotte oder Manuskripte in der Hinterhand?
Oliver Plaschka: Tatsächlich arbeite ich momentan an einem Projekt, das der Erfüllung eines Jugendtraums nahe kommt, auch wenn es vielleicht nicht die persönliche Note hat, die „Fairwater“ für mich immer tragen wird. Ich kann aber zum jetzigen Zeitpunkt leider wirklich nicht mehr dazu sagen – wenn die Tinte unter den Verträgen trocken ist, wird sich das ändern. Da meine eigene Homepage zur Zeit noch im Dornröschenschlaf liegt, sollte man mein Treiben am besten unter www.schrift-art.net verfolgen. Bis Oktober, wenn „Fairwater“ dann erscheint, soll aber auch www.rainlights.net wieder an den Start gehen, mit einer Menge Infos, Short Stories, Musikfiles und Rollenspielnostalgie. Davon abgesehen gibt es einige Ideen, die ich eines Tages unbedingt verwirklichen möchte. Zum Beispiel den Science Fantasy-Roman über die sterbenden Welten, der kurz nach „Fairwater“ Gestalt annahm. Oder das Pulpmärchen über die junge Schwertkämpferin und den Zauberer, die mich seit meinem sechzehnten Lebensjahr nicht mehr in Ruhe lassen. Ich kann also noch nicht sagen, wann man den nächsten Roman von mir erwarten kann, aber seit den Ereignissen des letzten Jahres, die alles für mich auf den Kopf stellten, glaube ich fest daran, dass es Sinn macht, an diese Geschichten zu glauben. Für diese Hoffnung, und das Zutrauen in mich, danke ich meiner Agentur, meinem Verlag, und allen, die mich unterstützt haben; auch den Lesern, die bis hierhin Geduld mit mir hatten, und denen ich vielleicht ein wenig Lust auf einen Besuch in Fairwater machen konnte. Dir noch einmal Danke für dieses Interview, und viel Erfolg auch bei Deinen Projekten.
Florian Wendland: Auch ich bedanke mich im Namen von webcritics.de recht herzlich für deine ausführlichen Antworten!
Weitere Informationen finden sich unter folgenden Link.
Verlag: http://www.feder-und-schwert.com
Agentur: http://www.schrift-art.net
Autor: http://www.rainlights.net
Peter S. Beagle: http://www.peterbeagle.com
Connor Cochran: http://www.conlanpress.com