
| ISBN | 3518424270 | |
| Autor | Anthony Marra | |
| Verlag | Suhrkamp | |
| Sprache | deutsch | |
| Seiten | 489 | |
| Erscheinungsjahr | 2014 | |
| Extras | - |

Nicht nur ob der Detailtreue, der historischen und auch anthropologischen Genauigkeit, mit der Marra seine Figuren, ihre Umgebung und deren Zeitläufte entwickelt. Sondern auch wegen seiner Fähigkeit, die unvermeidbare Beschreibung des Grauens mit poetischer Sprache zu ummanteln und somit zur Lektüre erträglich und für den Fortgang der Handlung nützlich zu gestalten.
Der Roman handelt vordergründig von fünf Tagen im Leben von Ahmed, Hawah und Sonja, die sich weitgehend im Krankenhaus von Woltschansk abspielen, wo Sonja einsame Chefärztin ist und Ahmed die kleine Hawah, die Tochter seines besten Freundes Dokka, in Sicherheit bringen möchte. Denn just in der Nacht des ersten beschriebenen Tages gerät Dokka in die furchtbaren Mühlen des tschetschenischen Bürgerkrieges, der seit Jahren zwischen der Russischen Föderation und den quasi Einheimischen offen und verdeckt ausgetragen wird. Er wird in die so genannte Deponie verbracht, die Folterqualen oder gleich den Tod zu bedeuten haben. Sein Haus wird dem Erdboden gleichgemacht, aber die Tochter Hawah kann durch Ahmed gerettet werden. Im weiteren Verlauf schildert Marra durch geschickte und gekonnte Retrospektiven sowohl historische Zusammenhänge als auch Einzelschicksale, anhand derer man die verschiedenen Traumata nachvollziehen kann, die den Tschetschenen widerfahren sind und immer noch widerfahren. Er offenbart dem Leser aber auch die nur auf den ersten Blick einfach zu wertende „Krankheit“ des hinterlistigen Verrats von Mitbürgern an die Föderalen, hier durch Ramsan. Warum dieser so handelt, wird gegen Ende des Buches klar, und wie auch bei vielen anderen Teilsträngen des Romans wird der Blick des Lesers durch den Autor klug differenziert. Selbst der Showdown, der im Detail natürlich hier nicht verraten werden kann, geht dem Leser nahe, wenngleich er nicht so sehr packend ist. Aber dennoch zeigt sich auch darin die enorme Aufarbeitungslast dieses gebeutelten Landes und seiner Bewohner. Der Verlust an Familienmitgliedern, Nachbarn, Freunden und Mitmenschen, die kulturelle Abgrenzung zwischen Zentralstaat und den jahrhundertealten Traditionen und am schlimmsten überhaupt die menschliche Lust der Folterer und Menschenausbeuter an Qual und Leid anderer ziehen sich durch das Leben aller Protagonisten und lassen auch den Leser nicht unberührt. Wer die Auseinandersetzung mit der Thematik nicht scheut, wird einen handwerklich sauberen und sprachlich stellenweise überragenden Roman zu lesen bekommen, der am Ende den Leser sehr sehr nachdenklich werden lässt.
geschrieben am 19.08.2014 | 363 Wörter | 2206 Zeichen
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