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Wir hatten nix, nur Umlaute


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Rezension von

Dr. Benjamin Krenberger

Wir hatten nix, nur Umlaute Die Entstehung des Buches aus einer Live-CD heraus ist vor allem für diejenigen verständlich, die Nils Heinrich bereits als Comedian auf der Bühne erlebt haben. Mit einem fast skrupellos trockenen Humor verwurstet er seine Ost-Vergangenheit und die seither erlebten alltäglichen Wahnsinnigkeiten, die der Clash der deutschen Kulturen so mit sich bringt. Dass die nun verschriftlichten Geschichten mit Sicherheit Passagen enthalten, die in dieser Form jedem Jugendlichen passieren, etwa der erste Kontakt zum anderen Geschlecht, das erste richtige Besäufnis und andere Dinge, schwächt die amüsante Lektüre nicht. Man kann aber von der Lektüre des erfreulich umfangreichen Buches keine dauernden Lachsalven erwarten, sondern man findet, je nach eigener humoristischer Veranlagung immer wieder Sottisen, Spitzen und echte Brüller, die zu einem insgesamt heiter-entspannenden Leseerlebnis führen und den Leser mit viel Verständnis für den wendegebeutelten Autor erfüllen. Immer wieder schön ist die sprachliche Kunstfertigkeit, mit der Nils Heinrich Dinge und Zustände umschreibt. So bezeichnet er etwa die DDR als offenen Vollzug mit Kompott zum Nachtisch und berichtet von seinem altstoffreichen Pionieralltag. Letzteres im Hinterkopf kann man nur zu gut die Situation nachempfinden, als nach der Wende niemand mehr das vorher so beliebte Sammeln von Papier, Altmetall etc. aufrechterhalten wollte. Fast absurde Vergleiche erfreuen den Geist außerdem, etwa wenn er beschreibt, dass ein Kasten Radeberger Pils im Ostharz schwerer zu ergattern war als ein Auto oder die Ausreisegenehmigung, die Bezeichnung von Grenzsoldaten kurz nach dem 09. November 1989 als „frischgebackene Arbeitslose“ oder die Enttarnung der Sangerhausener Eierschecke als essbaren Bauschaum. Nils Heinrich kann aber nicht nur punktuell zum Lachen bringen, er beherrscht auch die bis zur Zuspitzung gipfelnde Beschreibung einer sich entwickelnden Situation, schön zu sehen bei Bärbels Theodizee im Gebetskreis, nachdem sie ihr Mann für einen Mann verlassen hat. Selbstironie kommt als Stilelement noch en masse hinzu: Sei es über den Konsum der begehrten Bananentorten, die Beobachtung des Wahlkampfs 1990 mit den bunten Geschenken an die „Eingeborenen“ oder die Freizeitbeschäftigung, der Auflösung von Megapearls beim Waschgang zuzusehen: Heinrich schont sich und seine Mitmenschen nicht, und das ist gut so, zumindest für den Leser. Das Fazit des Buches findet man übrigens ungewollt mittendrin: Nils Heinrich konstatiert (S. 132): "Ich hatte Spaß in meiner Jugend!" Man glaubt ihm aufs Wort.

Die Entstehung des Buches aus einer Live-CD heraus ist vor allem für diejenigen verständlich, die Nils Heinrich bereits als Comedian auf der Bühne erlebt haben. Mit einem fast skrupellos trockenen Humor verwurstet er seine Ost-Vergangenheit und die seither erlebten alltäglichen Wahnsinnigkeiten, die der Clash der deutschen Kulturen so mit sich bringt. Dass die nun verschriftlichten Geschichten mit Sicherheit Passagen enthalten, die in dieser Form jedem Jugendlichen passieren, etwa der erste Kontakt zum anderen Geschlecht, das erste richtige Besäufnis und andere Dinge, schwächt die amüsante Lektüre nicht. Man kann aber von der Lektüre des erfreulich umfangreichen Buches keine dauernden Lachsalven erwarten, sondern man findet, je nach eigener humoristischer Veranlagung immer wieder Sottisen, Spitzen und echte Brüller, die zu einem insgesamt heiter-entspannenden Leseerlebnis führen und den Leser mit viel Verständnis für den wendegebeutelten Autor erfüllen.

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Immer wieder schön ist die sprachliche Kunstfertigkeit, mit der Nils Heinrich Dinge und Zustände umschreibt. So bezeichnet er etwa die DDR als offenen Vollzug mit Kompott zum Nachtisch und berichtet von seinem altstoffreichen Pionieralltag. Letzteres im Hinterkopf kann man nur zu gut die Situation nachempfinden, als nach der Wende niemand mehr das vorher so beliebte Sammeln von Papier, Altmetall etc. aufrechterhalten wollte. Fast absurde Vergleiche erfreuen den Geist außerdem, etwa wenn er beschreibt, dass ein Kasten Radeberger Pils im Ostharz schwerer zu ergattern war als ein Auto oder die Ausreisegenehmigung, die Bezeichnung von Grenzsoldaten kurz nach dem 09. November 1989 als „frischgebackene Arbeitslose“ oder die Enttarnung der Sangerhausener Eierschecke als essbaren Bauschaum. Nils Heinrich kann aber nicht nur punktuell zum Lachen bringen, er beherrscht auch die bis zur Zuspitzung gipfelnde Beschreibung einer sich entwickelnden Situation, schön zu sehen bei Bärbels Theodizee im Gebetskreis, nachdem sie ihr Mann für einen Mann verlassen hat. Selbstironie kommt als Stilelement noch en masse hinzu: Sei es über den Konsum der begehrten Bananentorten, die Beobachtung des Wahlkampfs 1990 mit den bunten Geschenken an die „Eingeborenen“ oder die Freizeitbeschäftigung, der Auflösung von Megapearls beim Waschgang zuzusehen: Heinrich schont sich und seine Mitmenschen nicht, und das ist gut so, zumindest für den Leser.

Das Fazit des Buches findet man übrigens ungewollt mittendrin: Nils Heinrich konstatiert (S. 132): "Ich hatte Spaß in meiner Jugend!" Man glaubt ihm aufs Wort.

geschrieben am 26.01.2013 | 364 Wörter | 2235 Zeichen

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