
| ISBN | 3930752484 | |
| Autor | Marina Heilmeyer | |
| Verlag | Vacat | |
| Sprache | deutsch | |
| Seiten | 104 | |
| Erscheinungsjahr | 2008 | |
| Extras | - |

Die Stadt Potsdam entwickelt sich langsam aber stetig zu einem deutschen Versailles: Hier finden sich Menschen, die dem Artifiziellen Platz einräumen. Menschen, die gern in anderer Geschwindigkeit leben, als es ihnen die Metropole Berlin ermöglicht.

Es finden sich auch Verlage, Galerien und Künstler, die das besondere Air südwestlich der Kapitale schätzen. Sie sind es vor allem, die Potsdam als Hort der Kultur erstrahlen lassen, die die Atmosphäre erzeugen. Der Vacat Verlag ist eines dieser besonders kleinen Unternehmen. Doch wahrscheinlich ermöglicht erst diese Individualität die Bibliophilie der Bücher, die so nonchalant daherkommt.
Nun ist ein neues buchkünstlerisches Schmankerl zu annoncieren: In der Reihe »Potsdamer Pomologische Geschichten« widmet sich Herausgeberin Marina Heilmeyer der Erdbeere. »Erdbeeren für Prinzessinnen« greift bereits mit dem Titel in die Kulturgeschichte der Frucht. In dieser Reihe bereits erschienen sind »Kirschen für den König«, »Äpfel fürs Volk«, »Die Melonen der Monarchen«, »Beste Birnen bei Hofe«, ein Band über Orangen und einer über Maulbeeren.
Mit dieser auffällig schön gestalteten Reihe setzt der Verlag die alte und fast untergegangene Tradition der pomologischen Schriften fort. Die Pomologie ist die Lehre von den Arten und Sorten des Obstes. Die Obstbaukunde. Das Wort stammt ab vom Lateinischen poma, der Baumfrucht, ihrer Bestimmung und systematischen Einordnung. Pomona ist die Göttin der Gartenfrüchte. Die ersten pomologischen Schriften entstanden im 18. Jahrhundert. Im 19. Jahrhundert nahm das Interesse an der Züchtung und Weiterentwicklung von Früchten zu. Dies spiegelte sich auch bei den Büchern wider, die häufig ausgiebig illustriert waren. Spezifikum der pomolgischen Literatur ist, dass die Autoren genau wussten, wovon sie schreiben. Sie züchteten meist selbst, versuchten, die Systematik der Sorten voranzutreiben und erläuterten dies dann mit Worten und Zeichnungen in ihren Büchern.
Die Anfänge der Erdbeerzucht liegen in Frankreich. Da Ludwig XIV. seine zarten und fruchtigen Erdbeeren so sehr liebte, versuchten seine Gärtner, ihm sie das ganze Jahr über zu bieten. Heute gilt La Quintiniye, der Hofgärtner Ludwig XIV., als Erfinder der Erbeertreiberei im Mistbeet. Das wunderschöne Büchlein wäre nicht vom Vacat Verlag, hätte es nicht Bezüge zur Mark Brandenburg. Der Leser erfährt, dass im 19. Jahrhundert die Verfahren zum Erdbeeranbau weiter verbessert wurden. Christoph Friedrich Otto, der damalige Direktor des Botanischen Gartens und Bau-Inspektor Schramm beschrieben 1827 die optimalen Baulichkeiten für die Erdbeerkultur. Zum Ende des Jahrhunderts ist dann die Erdbeerzucht von den königlichen Gärten auf die Handelsgärtnereien übergesprungen. Ferdinand Fintelmann (1774-1863), ein enger Freund des berühmten Gartengestalters Lenné, war von 1804 bis 1834 Hofgärtner auf der Pfaueninsel. Hier führte er neben vielem Anderen auch eine ungewöhnliche Methode des Erdbeeranbaus ein, die der Terrassen. Sie führte dazu, dass immer genug Sonnenstrahlen an die Pflanzen kommen konnten. Fintelmann vergaß in seiner Beschreibung nicht zu erwähnen: »und ich habe noch den Vortheil, aufrechtstehend die Früchte pflücken zu können«.
Das Büchlein erzählt die Geschichte der Erdbeere, ihres Anbaus und der Möglichkeiten ihrer Zubereitung. Es fehlen weder mittelalterliche Legenden, ihre Symbolik in der Kunst, eine Beschreibung der verschiedenen Arten oder die ausführliche Historie ihrer planvollen Zucht.
Das Buch ist außergewöhnlich liebevoll gemacht. Man kann es nicht oft genug sagen. Das innere Einbandpapier zieren verschiedene Erdbeeren, zeichnerisch angeordnet wie auf einer Tischdecke. Auf - sage und schreibe - jeder zweiten Seite ist eine Farbtafel mit Abbildungen aus verschiedenen Jahrhunderten gedruckt. Selbst der erdbeerrote Randschnitt wurde nicht vergessen. Erwähnenswert noch das mit 115 g/ qm besonders schwere Papier, das durch seine leichte beige Tönung (»Luxocream«) das sensible Auge des Betrachters umschmeichelt.
Schön, dass es so etwas noch gibt!
geschrieben am 29.10.2008 | 565 Wörter | 3561 Zeichen
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