Navigation

Seiten der Rubrik "Bücher"


Google Anzeigen

Anzeigen

Bücher

Das Tagebuch. Achter Band. 1923-1926


Statistiken
  • 2225 Aufrufe

Informationen zum Buch
  ISBN
  Autor
  Verlag
  Sprache
  Seiten
  Erscheinungsjahr
  Extras

Rezension von

Matthias Pierre Lubinsky

Das Tagebuch. Achter Band. 1923-1926 »The man you must meet is Kessler« schreibt Harry Graf Kessler als Bonmot am 20. März 1925 in sein Tagebuch. Er schreibt diese Äußerung über sich selbst dem ehemaligen Diplomaten Hermann Freiherr von Eckardstein zu und kommentiert süffisant: »Da ich Eckardstein nur flüchtig kenne, war ich ziemlich erstaunt«. EIN EUROPÄISCHER GROSSBÜRGER. In der Tat war der umtriebige Adlige, der so gar nicht typisch deutsch sein wollte, so etwas wie ein Mann, mit dem man einfach geredet haben musste. Das galt wohl insbesondere in der Zeit, die sich im achten Band des kolossalen Tagebuch-Werkes findet, der soeben erschienen ist. Auch der hat allein für sich betrachtet einen äußerst stattlichen Umfang: etwa 1100 Seiten. Das Namensregister - wohlgemerkt nur für diesen einen von insgesamt neun Bänden – umfasst etwa 250 Seiten. Das hat schon ein wenig den Charakter eines Who-is-Who der europäischen Außenpolitik und Kultur. Die Aufzeichnungen datieren von Anfang Juli 1923 bis Mitte Juni 1926. Auch dieser Band ist mithin Beleg für Fleiß und Akribie des vielfältig Engagierten. Es gibt kaum Tage, an denen Kessler nicht schrieb. – Die wenigen kurzen Lücken sind wahrscheinlich auf den Verlust der entsprechenden Original-Diarien zurückzuführen, vermutet Günter Riederer, einer der Herausgeber, in seinem Vorwort. Zwei Lücken haben ihre Ursache in einer jeweils längeren Erkrankung Kesslers. DER AUFZEICHNUNGSZEITRAUM entspricht in etwa dem, was Historiker als Phase der relativen Stabilisierung der Weimarer Republik kennzeichnen. Das Jahr 1923 brachte noch eine Reihe evidenter Krisenvorgänge für Deutschland: die einschneidende Ruhrbesetzung, die galoppierende Inflation und der gescheiterte Hitler-Putsch im Münchner Bürgerbräukeller sind nur die bekanntesten der eruptiven Ereignisse dieses Zwischenkriegsjahres. Riederer sieht in den darauffolgenden Jahren einen Prozess der »inneren Konsolidierung der Republik«. Dazu zählt er, dass die außenpolitische Isolierung Deutschlands Schritt für Schritt überwunden wurde. Der Erfolg von Kesslers Wirken wird noch heute oft an willkürlich festgelegten Zielen, wie seiner Karriere, gemessen. Ist Kessler gescheitert, weil er keine führende Position im Auswärtigen Amt errungen hat? Der nun publizierte Tagebuchband legt Zeugnis ab von den unendlichen Gesprächen, den aufopferungsvollen Bemühungen des deutschen Adligen um eine Verständigung der Völker, um Erhalt und Sicherung des Friedens. Kessler war feinfühlig genug, um zu wissen, dass sich die politischen Ränder ihre Stimmen holen aus der mangelnden Bereitschaft der Staaten, ihre Konflikte zu lösen. So manche Einschätzung des unermüdlichen Diaristen wurde später durch die Geschichte bestätigt. CHARAKTERISIERT sind die Aufzeichnungen dieser drei Jahre vor allem durch die außenpolitischen Bemühungen Kesslers. Es ging ihm um die Verhinderung einer Besetzung durch die Franzosen. Als diese dann doch geschehen war, versuchte er die Kräfte einer souveränen aber doch gemäßigten europäischen Lösung zu unterstützen. So fallen in diese Zeit mehrere Reisen Kesslers, - alle mit politischen Ambitionen verknüpft. Die tatsächliche Wirkung von Kesslers Vortragsreisen, so mehrmals in die USA, ist allerdings fraglich. Kessler selbst hielt seinen Erfolg für durchschlagend. Er selbst war euphorisiert vom Presseecho des folgenden Tages. Der damalige britische Botschafter in Berlin, Edgar Vincent Viscount D’Abernon, sah Kesslers Erfolg wesentlich nüchterner und konstatierte in seinen Memoiren, drei Tage nach Kesslers jeweiligen Auftritt habe man dessen Namen »vollkommen vergessen«. Von größerem allgemeinem Interesse sind vielleicht die kultur-philosophichen Eindrücke des Grafen, wie er sie über die US-Amerikaner am 27. August 1923 beschriebt: »Wenn man so wie ich heute auf den wie eine Auto Rennbahn glatten und geteerten Landstrassen entlangfliegt, den hunderten von Autos begegnet, rechts u links immer die gleichen kleinen, komfortabeln weissgestrichenen Häuser sieht, die zwischen atlantischem u stillem Ozean immer wieder die gleiche Familie in Millionen von Exemplaren beherbergt, alle mässig wohlhabend, alle durch und durch zufrieden und satt, alle mit den gleichen spiessig konventionellen Vorurteilen, ermisst man, warum Amerika nicht zu bewegen ist, für Europa etwas zu tun. Warum auch? Was geht diese Millionen Spiesser Familien irgendetwas ausser ihrer Sonntagspredigt und ihrem Kassenschrank an? Amerika ist heute das grösste Staubecken der Philisterei, das es in der Welt giebt. Diese Millionen Landhäuser, diese Ketten von Autos (Amerika besitzt 90 % aller Autos, die es in der Welt giebt; sie sind hier ebenso verbreitet wie Fahrräder in Holland) diese für den kleinen Autophilister wunderbar gepflegten Chausseen muss man sich als das wahre Bild Amerikas vor Augen halten, nicht New York und die Wolkenkratzer, die Weltsymbole sind.« EINE ALLGEMEINGÜLTIGE KULTURLEISTUNG. Heute sind die detaillierten Aufzählungen Kesslers über politische Treffen und diplomatische Gespräche wohl mehr oder weniger für Historiker und Forschende von Interesse. Was allerdings als allgemeingültige Kulturleistung bleibt, ist das Zeugnis eines anderen Deutschen, das dieser selbst mit seinem Tagebuch vor der Geschichte abgelegt hat: Man mag über die tatsächliche Wirkung seiner Bemühungen streiten. Auch nur annähernd beurteilen wird man sie nicht mehr können. Das Zeugnis eines anderen Deutschen ist dieser Band, weil er zeugt von umfassender abendländischer und humanistischer Bildung einer Persönlichkeit, die auf dem internationalen Parkett zuhause war und sich nach Kräften bemühte, Deutschland zu einem freiheitlich-liberalen Europa hin zu öffnen. Hätte es mehr Deutsche von diesem Format gegeben, wäre die Geschichte womöglich anders verlaufen.

»The man you must meet is Kessler« schreibt Harry Graf Kessler als Bonmot am 20. März 1925 in sein Tagebuch. Er schreibt diese Äußerung über sich selbst dem ehemaligen Diplomaten Hermann Freiherr von Eckardstein zu und kommentiert süffisant: »Da ich Eckardstein nur flüchtig kenne, war ich ziemlich erstaunt«.

weitere Rezensionen von Matthias Pierre Lubinsky


EIN EUROPÄISCHER GROSSBÜRGER. In der Tat war der umtriebige Adlige, der so gar nicht typisch deutsch sein wollte, so etwas wie ein Mann, mit dem man einfach geredet haben musste. Das galt wohl insbesondere in der Zeit, die sich im achten Band des kolossalen Tagebuch-Werkes findet, der soeben erschienen ist. Auch der hat allein für sich betrachtet einen äußerst stattlichen Umfang: etwa 1100 Seiten. Das Namensregister - wohlgemerkt nur für diesen einen von insgesamt neun Bänden – umfasst etwa 250 Seiten. Das hat schon ein wenig den Charakter eines Who-is-Who der europäischen Außenpolitik und Kultur. Die Aufzeichnungen datieren von Anfang Juli 1923 bis Mitte Juni 1926. Auch dieser Band ist mithin Beleg für Fleiß und Akribie des vielfältig Engagierten. Es gibt kaum Tage, an denen Kessler nicht schrieb. – Die wenigen kurzen Lücken sind wahrscheinlich auf den Verlust der entsprechenden Original-Diarien zurückzuführen, vermutet Günter Riederer, einer der Herausgeber, in seinem Vorwort. Zwei Lücken haben ihre Ursache in einer jeweils längeren Erkrankung Kesslers.

DER AUFZEICHNUNGSZEITRAUM entspricht in etwa dem, was Historiker als Phase der relativen Stabilisierung der Weimarer Republik kennzeichnen. Das Jahr 1923 brachte noch eine Reihe evidenter Krisenvorgänge für Deutschland: die einschneidende Ruhrbesetzung, die galoppierende Inflation und der gescheiterte Hitler-Putsch im Münchner Bürgerbräukeller sind nur die bekanntesten der eruptiven Ereignisse dieses Zwischenkriegsjahres. Riederer sieht in den darauffolgenden Jahren einen Prozess der »inneren Konsolidierung der Republik«. Dazu zählt er, dass die außenpolitische Isolierung Deutschlands Schritt für Schritt überwunden wurde. Der Erfolg von Kesslers Wirken wird noch heute oft an willkürlich festgelegten Zielen, wie seiner Karriere, gemessen. Ist Kessler gescheitert, weil er keine führende Position im Auswärtigen Amt errungen hat? Der nun publizierte Tagebuchband legt Zeugnis ab von den unendlichen Gesprächen, den aufopferungsvollen Bemühungen des deutschen Adligen um eine Verständigung der Völker, um Erhalt und Sicherung des Friedens. Kessler war feinfühlig genug, um zu wissen, dass sich die politischen Ränder ihre Stimmen holen aus der mangelnden Bereitschaft der Staaten, ihre Konflikte zu lösen. So manche Einschätzung des unermüdlichen Diaristen wurde später durch die Geschichte bestätigt.

CHARAKTERISIERT sind die Aufzeichnungen dieser drei Jahre vor allem durch die außenpolitischen Bemühungen Kesslers. Es ging ihm um die Verhinderung einer Besetzung durch die Franzosen. Als diese dann doch geschehen war, versuchte er die Kräfte einer souveränen aber doch gemäßigten europäischen Lösung zu unterstützen. So fallen in diese Zeit mehrere Reisen Kesslers, - alle mit politischen Ambitionen verknüpft. Die tatsächliche Wirkung von Kesslers Vortragsreisen, so mehrmals in die USA, ist allerdings fraglich. Kessler selbst hielt seinen Erfolg für durchschlagend. Er selbst war euphorisiert vom Presseecho des folgenden Tages. Der damalige britische Botschafter in Berlin, Edgar Vincent Viscount D’Abernon, sah Kesslers Erfolg wesentlich nüchterner und konstatierte in seinen Memoiren, drei Tage nach Kesslers jeweiligen Auftritt habe man dessen Namen »vollkommen vergessen«.

Von größerem allgemeinem Interesse sind vielleicht die kultur-philosophichen Eindrücke des Grafen, wie er sie über die US-Amerikaner am 27. August 1923 beschriebt: »Wenn man so wie ich heute auf den wie eine Auto Rennbahn glatten und geteerten Landstrassen entlangfliegt, den hunderten von Autos begegnet, rechts u links immer die gleichen kleinen, komfortabeln weissgestrichenen Häuser sieht, die zwischen atlantischem u stillem Ozean immer wieder die gleiche Familie in Millionen von Exemplaren beherbergt, alle mässig wohlhabend, alle durch und durch zufrieden und satt, alle mit den gleichen spiessig konventionellen Vorurteilen, ermisst man, warum Amerika nicht zu bewegen ist, für Europa etwas zu tun. Warum auch? Was geht diese Millionen Spiesser Familien irgendetwas ausser ihrer Sonntagspredigt und ihrem Kassenschrank an? Amerika ist heute das grösste Staubecken der Philisterei, das es in der Welt giebt. Diese Millionen Landhäuser, diese Ketten von Autos (Amerika besitzt 90 % aller Autos, die es in der Welt giebt; sie sind hier ebenso verbreitet wie Fahrräder in Holland) diese für den kleinen Autophilister wunderbar gepflegten Chausseen muss man sich als das wahre Bild Amerikas vor Augen halten, nicht New York und die Wolkenkratzer, die Weltsymbole sind.«

EINE ALLGEMEINGÜLTIGE KULTURLEISTUNG. Heute sind die detaillierten Aufzählungen Kesslers über politische Treffen und diplomatische Gespräche wohl mehr oder weniger für Historiker und Forschende von Interesse. Was allerdings als allgemeingültige Kulturleistung bleibt, ist das Zeugnis eines anderen Deutschen, das dieser selbst mit seinem Tagebuch vor der Geschichte abgelegt hat: Man mag über die tatsächliche Wirkung seiner Bemühungen streiten. Auch nur annähernd beurteilen wird man sie nicht mehr können. Das Zeugnis eines anderen Deutschen ist dieser Band, weil er zeugt von umfassender abendländischer und humanistischer Bildung einer Persönlichkeit, die auf dem internationalen Parkett zuhause war und sich nach Kräften bemühte, Deutschland zu einem freiheitlich-liberalen Europa hin zu öffnen. Hätte es mehr Deutsche von diesem Format gegeben, wäre die Geschichte womöglich anders verlaufen.

geschrieben am 21.04.2009 | 805 Wörter | 4939 Zeichen

Kommentare lesen Kommentar schreiben

Kommentare zur Rezension (0)

Platz für Anregungen und Ergänzungen

 

Um Kommentare zu schreiben, müssen sie angemeldet sein.


Login / Email

Passwort


[neu registrieren] | [Passwort vergessen]