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Die göttliche Marchesa. Leben und Legende der Luisa Casati


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Rezension von

Matthias Pierre Lubinsky

Die göttliche Marchesa. Leben und Legende der Luisa Casati Ein weiblicher Dandy? Sie war die Geliebte D’Annunzios und mehr als das. Sie verprasste über eine recht überschaubare Zeit ein ungeheures Vermögen – ihr Erbe. Sie erfand sich und hatte ein einziges Ziel: „Ich möchte ein lebendes Kunstwerk sein.“ Sie lebte sich – kompromisslos. Kompromisse sind etwas für Philister und Feiglinge. Sie hatte eine ganze Reihe von Liebhabern und auch keine Skrupel, in der Gesellschaft verschrien zu sein. Musste es denn gerade dieser Weiberheld D’Annunzio sein, dieser elende Schürzenjäger? Ihr Leben war der Puderzucker auf dem großen Tortenstück namens Art Deco. Und dennoch gab es bislang keine Biographie über Luisa Casati. Sie wurde nun von den beiden US-amerikanischen Publizisten Scot. D. Ryersson und Michael Orlando Yaccarino vorgelegt. Die Casati wurde 1881 in Mailand als Tochter eines äußerst erfolgreichen und tüchtigen Textilfabrikanten geboren. 1900 heiratete sie den Marchesen Camillo Casati, was ihr den Titel eines der ältesten und angesehensten Mailänder Adelsgeschlechter einbrachte. Der Ehekäfig in der Familienvilla der Casatis wurde Luisa schnell zu eng. Nach drei Jahren Ehe lernte sie den außergewöhnlichen Dichter kennen. War es auch zu Anfang des 20. Jahrhunderts gang und gäbe, als Mitglied der Oberschicht eine Geliebte zu haben, so war es doch äußerst ungewöhnlich, dass diese Beziehung auch von der weiblichen Seite aus so massiv forciert worden ist. In den darauffolgenden Jahren trafen sich D’Annunzio und Casati, die beide für sich beschlossen hatten, aus ihren Leben Kunstwerke zu machen, bei zahllosen gesellschaftlichen Anlässen: Partys, Fuchsjagden, Rennen. Später hatte die Marchesa auch keine Scham, Bekannten bei Feiern ihre blauen Flecken zu präsentieren, die wohl davon stammten, dass sie der spätere Commandante von Fiume beim Liebesspiel gern hart rannahm. Weil ihr Mailand zu eng war, reiste sie viel und bekam so schnell Kontakt zur europäischen High Society in London, Paris und München. 1910 kaufte sie in Venedig den unfertigen „Palazzo Venier dei Leoni“ und ließ ihn nach ästhetizistischen Maßstäben um- und ausbauen. Hier hatte sie nun für die nächsten Jahre eine Bühne für ihre Auftritte, deren permanente Steigerung eine ihrer Selbstverpflichtungen gewesen ist. Luisa beauftragte unverzüglich die besten Innenarchitekten, Tischler und Maler, um aus dem Haus ihren dandyistischen Hort zu schaffen. Die beiden Biographen wissen Details aus dem Inneren dieses Refugiums zu berichten, das an dasjenige in der Bibel des Dandyismus, Joris-Karl Huysmans’ À rebours (Gegen den Strich), erinnert: „Lüster aus den Werkstätten der berühmtesten venezianischen Glaskünstler tauchten weiße Marmorhallen in sanftes goldenes Licht; Vasen aus Alabaster, gefüllt mit Elfenbeinrosen, Bernsteinen und Bergkristallen, die sämtlich von innen beleuchtet waren, dienten als kleinere Lichtquellen. Eine mit Grünspan überzogene Metalltreppe führte vom Hauptgeschoss in das untere Stockwerk. Die zahllosen Fenster waren mit Gardinen aus goldener Spitze geschmückt, die sich funkelnd im Wasser der umliegenden Kanäle spiegelten.“ Luisa Casati lebte nicht nur materiell verschwenderisch, sondern in jeder Hinsicht exzessiv, gierig, süchtig nach mehr. Andere Künstler malen Bilder, schaffen Skulpturen oder schreiben, sie ästhetisierte ihre Lebenszeit. Sie machte sich einen Namen, indem sie über die Piazza schritt, unter ihrem Pelzcape splitternackt mit zwei Geparden an mit Diamanten bestickten Leinen. Ein mächtiger schwarzer Diener sorgte mit einem Kandelaber dafür, dass man sie auch sehen konnte. Die von ihr veranstalteten Feste waren außergewöhnlich, berauschend und phantasievoll. Als einer der Höhepunkte ihres diesbezüglichen Schaffens gilt der Grande Ballo Pietro Longhi, ein Maskenball im Stil des 18. Jahrhunderts. Er fand im September 1913 auf der Piazza San Marco in Venedig statt. 200 schwarze Diener in weißen Perücken und samtenen roten Frackmänteln, geschmückt mit Perlenschnüren, erleuchteten der erlesenen Gästeschar mit Kandelabern den Weg zu ihren über den Platz verteilten Tischen. Die Biographen haben recherchiert: „Die Mitglieder der britischen, französischen und italienischen Aristokratie entstiegen in barocken Krinolinen, gepuderten Perücken und bestickten Westen oder in traditionellen Kostümen der Commedia dell’Arte ihren Gondeln.“ An den Ein- und Ausgängen zum Platz mussten manche Gäste an Polizeikordons vorbei, die dafür sorgten, dass niemand Falsches teilnimmt. Alle Fenster, die Blick auf die Piazza boten, waren zu horrenden Summen an Neugierige vermietet worden. Die Marchesa verstand es, ihren Auftritt wahrhaft zu zelebrieren. Er wurde vom Wasser her angekündigt durch Fahnenträger, Trompetenspieler – und drei Falkner. Ihrer Gondel folgte ein Orchester in einer anderen, die durch zahlreiche chinesische Lampions in buntes Licht getaucht war. Dann entstieg die Marchesa graziös ihrer Gondel: gewandet in eine goldene Satinrobe mit ausladendem Reifrock und einem Umhang aus schwarzer Spitze, dessen endlose Schleppe von zwei mit Federn geschmückten Lakaien getragen wurde. Stürmische Ovationen durch die Ballgäste und zahllosen Schaulustigen sollen die Reaktion gewesen sein. Sein Leben als Kunstwerk anzulegen beinhaltet auch, es festhalten zu lassen. Deshalb beauftragte die Marchesa ein Dutzend Künstler, sie zu porträtieren. Heute haben einige dieser Werke durchaus Ausnahmestatus, so die Bilder des Holländischen Fauvisten Kees van Dongen oder die Photos des Surrealisten Man Ray. Der italienische Dichtersoldat Gabriele D’Annunzio konnte ein Leben lang nicht von ihr lassen. Die beiden gaben sich gegenseitig Kosenamen und scheinen sich spirituell stark befruchtet zu haben. D’Annunzio hat ihr 1910 mit der Figur der Isabella in seinem Roman Forse che sì forse che no (Vielleicht – vielleicht auch nicht) ein dichterisches Denkmal gesetzt. Hier beschreibt er seine Sicht auf die außergewöhnliche Muse sehr offen: „Er war ganz in sie verloren. Er sah sie an, verschlang sie unersättlich mit seinen Blicken, brannte vor Verlangen, sie immer und in jedem Augenblick zu besitzen, wachte mit fieberhafter Aufmerksamkeit, damit ihm nicht das Geringste von ihr entgehe.“ Zwei Amerikaner mussten diese außergewöhnliche Frau der Vergessenheit entreißen, die wie nur wenige andere der europäischen Kulturgeschichte im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts einen tiefen Glanz verliehen hat. Das Buch ist nahezu gleichzeitig in Italienisch, Englisch, Französisch und Deutsch erschienen. Zuletzt kam die russische Ausgabe heraus. Ihre Liebe zur Marchesa bezeugen die Autoren dadurch, dass sie passend zum Buch auch noch eine Internetseite erstellt haben.

Ein weiblicher Dandy?

weitere Rezensionen von Matthias Pierre Lubinsky


Sie war die Geliebte D’Annunzios und mehr als das. Sie verprasste über eine recht überschaubare Zeit ein ungeheures Vermögen – ihr Erbe. Sie erfand sich und hatte ein einziges Ziel: „Ich möchte ein lebendes Kunstwerk sein.“ Sie lebte sich – kompromisslos. Kompromisse sind etwas für Philister und Feiglinge. Sie hatte eine ganze Reihe von Liebhabern und auch keine Skrupel, in der Gesellschaft verschrien zu sein. Musste es denn gerade dieser Weiberheld D’Annunzio sein, dieser elende Schürzenjäger? Ihr Leben war der Puderzucker auf dem großen Tortenstück namens Art Deco. Und dennoch gab es bislang keine Biographie über Luisa Casati. Sie wurde nun von den beiden US-amerikanischen Publizisten Scot. D. Ryersson und Michael Orlando Yaccarino vorgelegt.

Die Casati wurde 1881 in Mailand als Tochter eines äußerst erfolgreichen und tüchtigen Textilfabrikanten geboren. 1900 heiratete sie den Marchesen Camillo Casati, was ihr den Titel eines der ältesten und angesehensten Mailänder Adelsgeschlechter einbrachte. Der Ehekäfig in der Familienvilla der Casatis wurde Luisa schnell zu eng. Nach drei Jahren Ehe lernte sie den außergewöhnlichen Dichter kennen. War es auch zu Anfang des 20. Jahrhunderts gang und gäbe, als Mitglied der Oberschicht eine Geliebte zu haben, so war es doch äußerst ungewöhnlich, dass diese Beziehung auch von der weiblichen Seite aus so massiv forciert worden ist. In den darauffolgenden Jahren trafen sich D’Annunzio und Casati, die beide für sich beschlossen hatten, aus ihren Leben Kunstwerke zu machen, bei zahllosen gesellschaftlichen Anlässen: Partys, Fuchsjagden, Rennen. Später hatte die Marchesa auch keine Scham, Bekannten bei Feiern ihre blauen Flecken zu präsentieren, die wohl davon stammten, dass sie der spätere Commandante von Fiume beim Liebesspiel gern hart rannahm.

Weil ihr Mailand zu eng war, reiste sie viel und bekam so schnell Kontakt zur europäischen High Society in London, Paris und München. 1910 kaufte sie in Venedig den unfertigen „Palazzo Venier dei Leoni“ und ließ ihn nach ästhetizistischen Maßstäben um- und ausbauen. Hier hatte sie nun für die nächsten Jahre eine Bühne für ihre Auftritte, deren permanente Steigerung eine ihrer Selbstverpflichtungen gewesen ist. Luisa beauftragte unverzüglich die besten Innenarchitekten, Tischler und Maler, um aus dem Haus ihren dandyistischen Hort zu schaffen. Die beiden Biographen wissen Details aus dem Inneren dieses Refugiums zu berichten, das an dasjenige in der Bibel des Dandyismus, Joris-Karl Huysmans’ À rebours (Gegen den Strich), erinnert: „Lüster aus den Werkstätten der berühmtesten venezianischen Glaskünstler tauchten weiße Marmorhallen in sanftes goldenes Licht; Vasen aus Alabaster, gefüllt mit Elfenbeinrosen, Bernsteinen und Bergkristallen, die sämtlich von innen beleuchtet waren, dienten als kleinere Lichtquellen. Eine mit Grünspan überzogene Metalltreppe führte vom Hauptgeschoss in das untere Stockwerk. Die zahllosen Fenster waren mit Gardinen aus goldener Spitze geschmückt, die sich funkelnd im Wasser der umliegenden Kanäle spiegelten.“

Luisa Casati lebte nicht nur materiell verschwenderisch, sondern in jeder Hinsicht exzessiv, gierig, süchtig nach mehr. Andere Künstler malen Bilder, schaffen Skulpturen oder schreiben, sie ästhetisierte ihre Lebenszeit. Sie machte sich einen Namen, indem sie über die Piazza schritt, unter ihrem Pelzcape splitternackt mit zwei Geparden an mit Diamanten bestickten Leinen. Ein mächtiger schwarzer Diener sorgte mit einem Kandelaber dafür, dass man sie auch sehen konnte.

Die von ihr veranstalteten Feste waren außergewöhnlich, berauschend und phantasievoll. Als einer der Höhepunkte ihres diesbezüglichen Schaffens gilt der Grande Ballo Pietro Longhi, ein Maskenball im Stil des 18. Jahrhunderts. Er fand im September 1913 auf der Piazza San Marco in Venedig statt. 200 schwarze Diener in weißen Perücken und samtenen roten Frackmänteln, geschmückt mit Perlenschnüren, erleuchteten der erlesenen Gästeschar mit Kandelabern den Weg zu ihren über den Platz verteilten Tischen. Die Biographen haben recherchiert: „Die Mitglieder der britischen, französischen und italienischen Aristokratie entstiegen in barocken Krinolinen, gepuderten Perücken und bestickten Westen oder in traditionellen Kostümen der Commedia dell’Arte ihren Gondeln.“ An den Ein- und Ausgängen zum Platz mussten manche Gäste an Polizeikordons vorbei, die dafür sorgten, dass niemand Falsches teilnimmt. Alle Fenster, die Blick auf die Piazza boten, waren zu horrenden Summen an Neugierige vermietet worden. Die Marchesa verstand es, ihren Auftritt wahrhaft zu zelebrieren. Er wurde vom Wasser her angekündigt durch Fahnenträger, Trompetenspieler – und drei Falkner. Ihrer Gondel folgte ein Orchester in einer anderen, die durch zahlreiche chinesische Lampions in buntes Licht getaucht war. Dann entstieg die Marchesa graziös ihrer Gondel: gewandet in eine goldene Satinrobe mit ausladendem Reifrock und einem Umhang aus schwarzer Spitze, dessen endlose Schleppe von zwei mit Federn geschmückten Lakaien getragen wurde. Stürmische Ovationen durch die Ballgäste und zahllosen Schaulustigen sollen die Reaktion gewesen sein.

Sein Leben als Kunstwerk anzulegen beinhaltet auch, es festhalten zu lassen. Deshalb beauftragte die Marchesa ein Dutzend Künstler, sie zu porträtieren. Heute haben einige dieser Werke durchaus Ausnahmestatus, so die Bilder des Holländischen Fauvisten Kees van Dongen oder die Photos des Surrealisten Man Ray. Der italienische Dichtersoldat Gabriele D’Annunzio konnte ein Leben lang nicht von ihr lassen. Die beiden gaben sich gegenseitig Kosenamen und scheinen sich spirituell stark befruchtet zu haben. D’Annunzio hat ihr 1910 mit der Figur der Isabella in seinem Roman Forse che sì forse che no (Vielleicht – vielleicht auch nicht) ein dichterisches Denkmal gesetzt. Hier beschreibt er seine Sicht auf die außergewöhnliche Muse sehr offen: „Er war ganz in sie verloren. Er sah sie an, verschlang sie unersättlich mit seinen Blicken, brannte vor Verlangen, sie immer und in jedem Augenblick zu besitzen, wachte mit fieberhafter Aufmerksamkeit, damit ihm nicht das Geringste von ihr entgehe.“

Zwei Amerikaner mussten diese außergewöhnliche Frau der Vergessenheit entreißen, die wie nur wenige andere der europäischen Kulturgeschichte im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts einen tiefen Glanz verliehen hat. Das Buch ist nahezu gleichzeitig in Italienisch, Englisch, Französisch und Deutsch erschienen. Zuletzt kam die russische Ausgabe heraus. Ihre Liebe zur Marchesa bezeugen die Autoren dadurch, dass sie passend zum Buch auch noch eine Internetseite erstellt haben.

geschrieben am 02.03.2007 | 947 Wörter | 5700 Zeichen

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