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Klassiker der Kommunikationswissenschaft. Fach- und Theoriegeschichte in Deutschland


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Rezension von

Hiram Kümper

Klassiker der Kommunikationswissenschaft. Fach- und Theoriegeschichte in Deutschland Die Kommunikationswissenschaft als solche ist – zumal in Deutschland – eine junge Disziplin. An welchen Personen, Ereignissen und Institutionen man im Einzelnen ihre Geburtsstunde auch wird festmachen wollen, kaum wird man auf wesentlich mehr denn eine Jahrhundert zurückgreifen. So mag es denn auch nicht verwundern, wenn unter den im vorliegenden Band besprochenen Klassikern mit Gerhard Maletzke und Elisabeth Noelle-Neumann zwei Ikonen des Faches diesen Ehrentitel gar noch zu Lebzeiten verliehen bekommen. Kann eine Disziplin zu jung sein für „Klassiker“? Selten bekommt ein Rezensent die Gelegenheit, ausgerechnet ein Vorwort zu loben. Hier ist das ohne Zweifel angebracht. Denn die oftmals durchaus bodenständigen, aber treffsicher formulierten Gedanken, die die beiden Autoren in den wenigen einleitenden Seiten zu Fragen der Disziplin- und Theoriegeschichte (S. 15-32) entfalten, täten manch einer Arbeit aus jenen Fachrichtungen wohl, die den disziplinären Rückblick auf die eigene Fachgeschichte schon länger geübt und teils bis zur Austauschbarkeit eingeschliffen haben. Herausgekommen ist dabei weder eine Institutionen- noch eine Ideegeschichte in der Art von Otto Groths noch immer unerreichten „Geschichte der deutschen Zeitungswissenschaft“ (1948). Vielmehr werden die Ideen an ihre geistigen Väter und Mütter, die Institutionen an jene Persönlichkeiten, die sie prägten, geknüpft. Die einzelne Forscherpersönlichkeit steht also im Blickpunkt der Betrachtung. Diese Art der Darstellung, wie sie beispielsweise in der Philosophiegeschichte gern und immer wieder Anwendung gefunden hat und nicht bloß einmal gründlich daneben gegangen ist, scheint in einer jungen, stark vernetzten Disziplin wie den Kommunikationswissenschaften mit einem noch überschaubaren Personal an „Klassikern“ durchaus noch aufzugehen. So können sich die Vf. sogar erlauben, einen weiten Begriff von Klassikern des eigenen Faches zu entwickelt. Es finden sich Portraits zu Kaspar Stieler, Karl Knies, Albert Schäffle, Emil Löbl, Max Weber, Karl Jaeger, Paul F. Lazarsfeld, Theodor W. Adorno, Gerhard Maletzke, Henk Prakke, zur „Herrin der öffentlichen Meinung“, wie einmal der SPIEGEL titelte, Elisabeth Noelle-Neumann und schließlich zu Niklas Luhmann. Heikel erscheint diese an und für sich ausgesprochen plausible Auswahl dann, wenn mit Luhmann oder Weber, mit einigen Abstrichen auch Adorno, Gelehrte zu „Klassikern“ erhoben werden, die nicht nur selbst gar nicht der eigenen Disziplin entstammen – das scheint doch relativ unproblematisch –, sondern von beinahe jeder großen oder kleinen Fachrichtung der Geistes-, Sozial- oder mithin Kulturwissenschaften als eben solche „Klassiker“ für sich reklamiert werden. Gerade jetzt, wo manch einer aus der Theoriemüdigkeit der Postmoderne langsam wieder erwacht und mit den Augen blinzelt, scheint der immer wiederkehrende Rekurs auf solche „meta-disziplinären“ Klassiker in ja notwendig überstark verknappenden Darstellungen allzu leicht zu jenem Ausverkauf zurückzuführen, der den postmodernen Winterschlaf erst bedingt hat. Dieser Gefahren sind sich die Vf. durchaus bewusst, wie überhaupt die Auswahl durchweg ausgesprochen reflektiert und transparent gestaltet worden ist – ich verweise nur auf die Ausführungen zur Abwägung, Bücher oder Schäffle aufzunehmen (S. 110). Jeder Forscher wird mit einem biographischen Abriss und einer kurzen Einführung in die Struktur und die zentralen Begrifflichkeiten oder Ideen in der Regel seines bzw. ihres Hauptwerkes eingeführt, darüber hinaus aber auch in der Fachgeschichte verortet. Niemand bleibt also im luftleeren Raum zurück, was den Vf. explizit zu danken ist, wie deren Vermittlungskompetenzen insgesamt ein großes Kompliment ausgesprochen werden muss. Besonders dankbar ist auch das starke Augenmerk auf die interpersonellen Beziehungen und Schulenbildungen, zum Beispiel die Skizze zur Mainzer Schule (S. 258-262), deren Rolle in der modernen Wissenschaftskultur gerade von ideengeschichtlichen Arbeiten zur Geschichte einzelner Fächer oder Disziplinen oft zu wenig beachtet wird. Die Vf. stellen nicht den Anspruch, eine Disziplinengeschichte vom Format des gewichtigen Grothschen Opus vorzulegen. Auch das wünschenswerte Projekt einer neuen Ideen- und Institutionengeschichte, die den mannigfachen Problemlagen gerade dieser älteren und bislang einzigen umfassenden Darstellung begegnet (die wesentlichen Kritikpunkt fassen die Vf. auf S. 13f. konzise zusammen), ist damit selbstverständlich noch nicht vom Tisch. Was dem Leser hier aber vorliegt ist eine verständlich aufgearbeitete, kompakt gestaltete Einführung in zentrale Positionen, die zum absoluten Bodensatz der Theoriebildung gezählt werden müssen. Das macht den Band vor allem als Studienbuch reizvoll.

Die Kommunikationswissenschaft als solche ist – zumal in Deutschland – eine junge Disziplin. An welchen Personen, Ereignissen und Institutionen man im Einzelnen ihre Geburtsstunde auch wird festmachen wollen, kaum wird man auf wesentlich mehr denn eine Jahrhundert zurückgreifen. So mag es denn auch nicht verwundern, wenn unter den im vorliegenden Band besprochenen Klassikern mit Gerhard Maletzke und Elisabeth Noelle-Neumann zwei Ikonen des Faches diesen Ehrentitel gar noch zu Lebzeiten verliehen bekommen. Kann eine Disziplin zu jung sein für „Klassiker“?

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Selten bekommt ein Rezensent die Gelegenheit, ausgerechnet ein Vorwort zu loben. Hier ist das ohne Zweifel angebracht. Denn die oftmals durchaus bodenständigen, aber treffsicher formulierten Gedanken, die die beiden Autoren in den wenigen einleitenden Seiten zu Fragen der Disziplin- und Theoriegeschichte (S. 15-32) entfalten, täten manch einer Arbeit aus jenen Fachrichtungen wohl, die den disziplinären Rückblick auf die eigene Fachgeschichte schon länger geübt und teils bis zur Austauschbarkeit eingeschliffen haben.

Herausgekommen ist dabei weder eine Institutionen- noch eine Ideegeschichte in der Art von Otto Groths noch immer unerreichten „Geschichte der deutschen Zeitungswissenschaft“ (1948). Vielmehr werden die Ideen an ihre geistigen Väter und Mütter, die Institutionen an jene Persönlichkeiten, die sie prägten, geknüpft. Die einzelne Forscherpersönlichkeit steht also im Blickpunkt der Betrachtung. Diese Art der Darstellung, wie sie beispielsweise in der Philosophiegeschichte gern und immer wieder Anwendung gefunden hat und nicht bloß einmal gründlich daneben gegangen ist, scheint in einer jungen, stark vernetzten Disziplin wie den Kommunikationswissenschaften mit einem noch überschaubaren Personal an „Klassikern“ durchaus noch aufzugehen. So können sich die Vf. sogar erlauben, einen weiten Begriff von Klassikern des eigenen Faches zu entwickelt. Es finden sich Portraits zu Kaspar Stieler, Karl Knies, Albert Schäffle, Emil Löbl, Max Weber, Karl Jaeger, Paul F. Lazarsfeld, Theodor W. Adorno, Gerhard Maletzke, Henk Prakke, zur „Herrin der öffentlichen Meinung“, wie einmal der SPIEGEL titelte, Elisabeth Noelle-Neumann und schließlich zu Niklas Luhmann. Heikel erscheint diese an und für sich ausgesprochen plausible Auswahl dann, wenn mit Luhmann oder Weber, mit einigen Abstrichen auch Adorno, Gelehrte zu „Klassikern“ erhoben werden, die nicht nur selbst gar nicht der eigenen Disziplin entstammen – das scheint doch relativ unproblematisch –, sondern von beinahe jeder großen oder kleinen Fachrichtung der Geistes-, Sozial- oder mithin Kulturwissenschaften als eben solche „Klassiker“ für sich reklamiert werden. Gerade jetzt, wo manch einer aus der Theoriemüdigkeit der Postmoderne langsam wieder erwacht und mit den Augen blinzelt, scheint der immer wiederkehrende Rekurs auf solche „meta-disziplinären“ Klassiker in ja notwendig überstark verknappenden Darstellungen allzu leicht zu jenem Ausverkauf zurückzuführen, der den postmodernen Winterschlaf erst bedingt hat. Dieser Gefahren sind sich die Vf. durchaus bewusst, wie überhaupt die Auswahl durchweg ausgesprochen reflektiert und transparent gestaltet worden ist – ich verweise nur auf die Ausführungen zur Abwägung, Bücher oder Schäffle aufzunehmen (S. 110). Jeder Forscher wird mit einem biographischen Abriss und einer kurzen Einführung in die Struktur und die zentralen Begrifflichkeiten oder Ideen in der Regel seines bzw. ihres Hauptwerkes eingeführt, darüber hinaus aber auch in der Fachgeschichte verortet. Niemand bleibt also im luftleeren Raum zurück, was den Vf. explizit zu danken ist, wie deren Vermittlungskompetenzen insgesamt ein großes Kompliment ausgesprochen werden muss. Besonders dankbar ist auch das starke Augenmerk auf die interpersonellen Beziehungen und Schulenbildungen, zum Beispiel die Skizze zur Mainzer Schule (S. 258-262), deren Rolle in der modernen Wissenschaftskultur gerade von ideengeschichtlichen Arbeiten zur Geschichte einzelner Fächer oder Disziplinen oft zu wenig beachtet wird.

Die Vf. stellen nicht den Anspruch, eine Disziplinengeschichte vom Format des gewichtigen Grothschen Opus vorzulegen. Auch das wünschenswerte Projekt einer neuen Ideen- und Institutionengeschichte, die den mannigfachen Problemlagen gerade dieser älteren und bislang einzigen umfassenden Darstellung begegnet (die wesentlichen Kritikpunkt fassen die Vf. auf S. 13f. konzise zusammen), ist damit selbstverständlich noch nicht vom Tisch. Was dem Leser hier aber vorliegt ist eine verständlich aufgearbeitete, kompakt gestaltete Einführung in zentrale Positionen, die zum absoluten Bodensatz der Theoriebildung gezählt werden müssen. Das macht den Band vor allem als Studienbuch reizvoll.

geschrieben am 27.12.2006 | 644 Wörter | 4113 Zeichen

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